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Über das Reparieren

Neulich habe ich eine Geschichte vorgelesen, die davon handelte, wie ein kleines Mädchen Schwierigkeiten hatte sich an die neue Patchwork-Familie zu gewöhnen, weil ihre Mutter wieder heiratete. Sie hasste das Wort Patchwork und ihre Oma schenkte ihr zur Hochzeit aber genau eine solche Decke. Das Schöne an der Geschichte ist, die Decke hat die Oma aus Textilien zusammen genäht, die einmal Menschen gehörten, die das Mädchen sehr liebt. Oder auch ein geliebtes Kleidungsstück, das ihr zu klein geworden ist, hat die Oma in den Quilt eingearbeitet. Sie zeigt ihr damit, dass es möglich ist, ganz verschiedene Fleckerl, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, zu einem Ganzen zusammenzufügen. Für das kleine Mädchen heißt das im übertragenen Sinn, dass sie sich an die neuen Familienmitglieder gewöhnen wird und mit ein bisschen Empathie und Liebe auch mit ihnen zu einer neuen Familie zusammenwachsen kann. Mir gefällt das Bild und es liesse sich auch im Großen gesamtgesellschaftlich anwenden. Oh well…

„The act of sewing is a process of emotional repair.“                                                                                                         Louise Bourgeois

Es soll also um das Reparieren gehen, hier bei mir. Kleidung zu reparieren ist in etwa so alt wie das Herstellen von Kleidung selbst. Erst in jüngster Zeit wurde es zurück gedrängt von fast fashion, die statt dem Reparieren den Neukauf an erster Stelle sieht. Die Reparatur von Kleidung ist jedoch etwas, das immer auch auf kunstvolle Weise geschieht, setzt es doch eine gewisse Kenntnis des Materials, aber auch des Trägers voraus.

Sashiko

Ich habe zwei spannende Reparaturthemen herausgesucht und will Euch als erstes von Sashiko erzählen, eine alte, japanische Form des Stickens bzw des Quiltens. Ende des 19.Jahrhunderts war Sashiko eine Methode, um robuste Kleidung für Fischer, Bauern und Feuerwehrmänner herzustellen. Es wurden Stoffstücke aus Hanffaser mit speziellen Stichen zusammengenäht, um dem neuen Kleidungsstück Stabilität und dem Träger Schutz vor Kälte oder Hitze zu geben. Es wurden aus alten, kaputten Kleidungsstücken die guten Stücke herausgeschnitten und mit der Sticktechnik zu einem neuen Stück zusammengesetzt. Das Wort Sashiko bedeutet übersetzt „kleine Stiche“.

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Jürgen – eine Begegnung

Ich habe Jürgen kennengelernt, ohne dass es einen Zusammenhang mit Kleidung gab. Das kam erst später und brachte mich dann endgültig dazu, ihn zu interviewen, in seine Welt einzutauchen und zu lernen. Jürgen tauchte immer wieder einfach in unserem Atelier auf und half mir bei Schreinerarbeiten oder er wollte einfach nur ratschen und einen Tee trinken. Eines Tages kam ich ins Atelier und vor der Tür lag eine große Tasche mit hochwertigster Herrenkleidung – Eine wasserdichte Outdoor Jacke, Hemden und Hosen – mit herzlichen Grüßen von ihm, er möchte mich und meine Idee gerne unterstützen. Welch schöne Geste, ich habe mich sehr gefreut und habe sofort angefangen seine Sachen zu verwerten. Hier sind einige Fotos, die aus seinem Hemd und seiner Jacke entstanden sind.

Nun hatte ich also endlich die Gelegenheit Jürgen zu befragen. Trifft man ihn zum ersten Mal, wird man fast umgehauen von seiner Präsenz und seinen entlarvenden Fragen. Er ist der Typ Mensch, dem man sofort vertraut und der einem das Gefühl gibt, mit ihm zusammen kann man alle seine Probleme lösen. Man möchte ihm gleich seine gesamte Lebensgeschichte erzählen. Woher kommt das? Vielleicht, weil man Jürgen, der 1964 in München geboren wurde und in Sendling aufgewachsen ist, anmerkt, dass er selbst schon einiges erlebt hat, aber für sich einen guten Weg gefunden hat.

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Photo © Jürgen Mattik

Seine Eltern trennten sich, als er 2 Jahre alt war und sein Vater hat den Kontakt zu ihm abgebrochen. Jürgen entwickelte eine rebellische Natur, was er heute nur als Vorteil sieht. Er kann verquer denken, sagt er und ungewöhnliche Lösungen für Probleme finden. Seine Jugend in den 80er Jahren war wild, Drogen spielten eine Rolle. Er hing in den legendären Münchner Clubs ab, im „Round up“, im „Tanzlokal Größenwahn“ in der Klenzestraße oder im „Why not“ in einem Hinterhof in der Briennerstraße.

Mit 22 Jahren machte er dann eine Umschulung zum Schreiner und war als Geselle auf der Walz. Unterwegs hat er Lehmbau gelernt und nach einem halben Jahr blieb er in Andernach hängen: „Hab eine Lady kennengelernt und zack bumm bin ich bei ihr geblieben.“
Als ich nach weiteren wichtigen Stationen in seinem Leben frage, windet er sich, denn so einfach will er es sich nicht machen. Alles was er erlebt habe, habe ihn zu dem gemacht, der er jetzt ist, da will er Erlebnisse nicht nach Wichtigkeit bewerten. „Ich musste mir nie Gedanken machen, ich bin immer von einem zum nächsten gekommen ohne Plan, wenn ich mir Gedanken gemacht habe, hat das meistens nicht funktioniert.“ Ein haptischer Mensch sei er, der nicht viel davon hält, sich zu sehr auf die Kopfarbeit zu konzentrieren.
Seine Tochter kam in sein Leben, als er 36 war. Er hat ein enges Verhältnis zu ihr, auch wenn sie nicht bei ihm aufwächst. Jürgen war 4 Jahre Mit-Gesellschafter im Ruffini, dem im Kollektiv geleiteten Café in Neuhausen. Rückblickend auf all die Jahre sagt er: „Ich habe viel Härte im Leben erfahren, das wurde aber immer wieder durch Glück kompensiert.“
Er hat 12 Jahre TaekwonDo praktiziert und trägt den 2. Dan. Ein Kreuzbandriß, den er sich beim Fußballspielen zugezogen hat, beendete seine aktive Zeit. Über das TaekwonDo lernte er, sich selbst zu lesen. Gefühlszustände drückten sich in der Technik aus und der Weg zur Zen Meditation war gelegt.
Und dann erzählt Jürgen, in einem Nebensatz und nach fast einer halben Stunde Gespräch, etwas, das bei mir Zack Bumm macht: Jürgen meditiert nicht nur so ein bisschen, sondern ist ordinierter Zen Mönch. Er praktiziert Soto Zen und sein Meister ist Philippe Coupey, der wiederum Schüler von Meister Taisen Deshimaru ist. (www.zen-road.org) Am 17.08.2007 hat er seine Ordination erhalten und betont, dass es sich dabei nicht um einen Rang handelt. Vielmehr ist es ein Offiziell Machen vom Ego Weg zurück zu treten. Zen ist, so erklärt Jürgen, sich selbst zu beobachten und mit sich vertraut zu werden. Die Gedanken dürfen kommen und man lässt sie aber wieder ziehen, man konzentriert sich auf den Körper und findet so ins Hier und Jetzt zurück. Zen ist nackt und ohne Chichi. Zen ist Präsenz, was Jürgen durch und durch ausstrahlt. Zen lehrt Intuition und das Zurückkommen zur eigenen mitfühlenden Natur. In hasserfüllten Zeiten wie diesen, sauge ich förmlich jedes Wort dieses Mannes auf, denn sie sind so wohltuend und friedlich und hoffnungsvoll. Dann unterbricht er das Interview, um etwas zu holen, das er mir zeigen möchte. Er holt das Kesa, eine Art textiler Umhang der von Zen Mönchen und Nonnen während der Meditation oder einer Zeremonie getragen wird.

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Es ist ein sehr persönliches Kleidungsstück, da es mit einem Spruch und den Daten seiner Ordination bedruckt ist. Es ist so persönlich, dass ich das wunderschöne schwarzweiße Tusche – Bild und die Schriftzeichen nicht fotografieren darf. Er übersetzt aber die Schriftzeichen für mich: Begierde und Illusion wird zu Weisheit. Die Mönche und Nonnen tragen es auch nie nach aussen hin sichtbar, sondern das Bedruckte weist immer zum Körper hin. Eine Nonne, die zusammen mit ihm ordiniert wurde, hat es für ihn von Hand genäht. Zusammengefaltet steckt das Kesa in einer Origami Tasche und ich bekomme ein klein wenig Gänsehaut, da ich aus Jürgens Hemden viel Origami Schmuck hergestellt habe, ohne vorher davon zu wissen. Wer mehr über das Kesa, dessen Bedeutung und vor allem über das Kesa Nähen erfahren will, kann hier ein interessantes Interview mit einer Zen-Nonne lesen.
Doch was arbeitet Jürgen eigentlich? Nach einer schweren Verletzung an seiner rechten Hand, musste er erstmal 2 Jahre Pause machen. Sein Zen-Weg hat ihn auch zur Strukturellen Integration nach Dr. Ida Rolf gebracht. Diese Heilarbeit am Körper, die Haltungsverbesserung, Atembefreiung und Bewegungsverfeinerung zum Ziel hat, möchte er gerne zu seiner zukünftigen Arbeit machen. Alles ist noch im Aufbau, sobald seine Homepage fertig ist, verlinke ich natürlich. Wer mehr darüber wissen möchte, liest am besten hier weiter.
Ich könnte Jürgen noch stundenlang zuhören und ihm Fragen stellen, doch ich zwinge mich zu meinem Thema zurückzukehren und frage ihn, was das für Kleidung war, die er mir gespendet hat. Er hat klar Schiff gemacht in seinem Kleiderschrank und Ungetragenes aussortiert. Aber eine Kleiderspende bei der klassischen Altkleider Sammlung kam für ihn nicht in Frage, weil er die Textilindustrie in Afrika nicht mit zerstören will. Meine Idee findet er großartig und mutig und deshalb will er mich unterstützen. Selten habe ich ein Kompliment lieber entgegen genommen. „Es gibt keine Handlung, die nicht politisch ist.“ Noch ein letztes Zack Bumm, bevor er sich wieder an die Arbeit macht.

Wer Jürgen persönlich kennenlernen und mit ihm meditieren möchte, der ist herzlich eingeladen bei seiner Meditations-Gruppe mitzumachen. Die Gruppe trifft sich jeden Dienstag um 20.00 Uhr in der Hans-Fischer-Str. 13, München-Westend im Bewohnertreff. Bei Interesse bittet Jürgen um kurze telefonische Voranmeldung unter 0179-59 087 59.

Hinter den Kulissen von story of my shirt

Heute habe ich beschlossen mal ein bisschen von mir zu erzählen und was ich so mache, wenn es hier sehr still wird.

Wie einige von Euch ja mitbekommen haben, arbeite ich gerade daran Produkte zu entwickeln, die sich potentiell verkaufen lassen. Es ist viel Arbeit kann ich da nur sagen, aber noch nie habe ich Arbeit so genossen, wie diese hier. Wer mir auf Instagram folgt oder meine Facebook Seite abonniert hat, bekommt ja hin und wieder einen Einblick, woran ich gerade arbeite. Jetzt habe ich aber zum ersten Mal ein richtiges Foto Shooting organisiert mit dem tollen Fotografen  Andre Gartner und meinen zwei  überragenden Models Johanna und Hanna. (Auch an dieser Stelle nochmal 1000 Dankesküsse an Euch Drei!) Das war vielleicht aufregend…Ich habe also noch in Windeseile mehr von meinem Origami-Schmuck gemacht und noch eine Schiebermütze und ein Kleid! Als Deko habe ich unseren Wohnzimmertisch entführt und weil ich keine schöne Blume finden konnte, musste kurzerhand die Artischocke herhalten. Ich bin ganz verliebt in die Artischocke als Deko, aber demnächst werde ich sie wohl kochen müssen…

Hier seht ihr jetzt also, wie es bei unserem Foto Shooting in meinem Atelier zugegangen ist. Alle folgenden Fotos sind von mir fotografiert.

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Abschlussfoto

Vieles war improvisiert und bestimmt ist da technisch noch haushoch Luft nach oben, aber es hat Spaß gemacht und ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Natürlich geht die Arbeit noch weiter und ich werde bald davon berichten. Ein bisschen was habe ich nämlich noch vor… Auf bald!

 

Johann – eine Hausauflösung

Upcycling Schiebermütze von storyofmyshirt

Ja was ist denn das? Ein schöner Mann mit einer schönen Mütze in einer schönen Landschaft. Der Mann ist meiner (yay!) und auf seinem Kopf tront meine neueste Leidenschaft: die Schiebermütze! Ich habe sie aus dieser Anzugsjacke gemacht, die ich bei einer Hausauflösung mitgenommen habe.

IMG_20160301_143554    Upcycling Schiebermuetze entsteht  Upcycling Schiebermütze storyofmyshirt Innenansicht

Und wie ich an diese Jacke gekommen bin, das war so…

Durch einen Zufall habe ich von einer Hausauflösung in der Nähe erfahren und musste natürlich sofort dort hin. Gleich am nächsten Morgen setzte ich mich ins Auto, um mich mit Katrin zu treffen, die mich durch das Einfamilienhaus führte und mir alle Sachen zeigte, die zu haben waren. Es war ein wahrscheinlich in den 70er Jahren gebautes Haus, viele braune Fliesen und Eichenschränke. Ich kam an und es herrschte völliges Chaos, das Katrin, eine Helferin aus der Nachbarschaft, innerhalb von 3 Wochen bezwingen musste. Denn dann sollte das Haus wieder neu vermietet werden.

Der Besitz eines ganzen Lebens

Ich fühlte mich sofort wie ein Eindringling. Der alte Mann, der hier vorher noch gelebt hat, war ins Altenheim gezogen und hat den Besitz seines ganzen Lebens hinter sich gelassen. Und nicht nur den, auch die Sachen seiner Frau und die seiner Kinder. Ich wurde ein bisschen traurig. Besonders als mir Katrin sagte, dass sie alles wegwerfen muss, was nicht mitgenommen wird. Die Erinnerungen eines ganzen Lebens werden einfach so auf den Müll geworfen. Ich wanderte durch die Zimmer, bis ich im ersten Stock in die Schlafzimmer kam, in denen die gesamte Kleidung, sowie Bettwäsche und Tischwäsche, ausgebreitet auf dem Boden lag. Fein säuberliche Stapel mit hauptsächlich in Blautönen gehaltenen Herrenhemden, stapelweise Pullover und Anzugshosen. Daneben ein Berg mit Damenbekleidung, Kleider, Röcke und Blusen einer alten Dame. Dazwischen fand ich immer wieder einmal original verpackte Strumpfhosen aus den 60ern oder auch original verpackte Hemden, die neu gekauft offensichtlich im Schrank vergessen wurden. Ich tauchte ein in die Materialmassen und nahm alles mit, was in mein Auto passte. Hemden, Jacken, Kleider, Hosen, Röcke und auch Bettwäsche.

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Erinnerungen und Geheimnisse

Zwischendurch versuchte ich aus Katrin ein bisschen heraus zu kitzeln, wer denn der Mann gewesen ist. Sie war sehr zurückhaltend und wollte nicht wirklich über ihn sprechen. Sie erzählte mir, dass sie seit ca. 5 Jahren in der Nachbarschaft wohnt und sie ihn immer alleine am Fenster stehen sah. Sie wusste, dass er Zeit seines Lebens als „Bierkutscher“ bei Spatenbräu in München gearbeitet hat. Das erklärte, warum die Küche vollgestellt war mit alten, steinernen Bierkrügen von Spatenbräu. Dann erzählte sie mir noch, dass man bei Spatenbräu wohl blaue Hemden zur Arbeit tragen musste. Ich konnte noch herausfinden, dass er Johann und seine Frau Anna hieß. Johann ist ungefähr 75 Jahre alt.

Steinerne Bierkrüge von Spatenbräu

Nachforschungen dauern an

Ich fuhr also nach Hause mit dem Auto bis oben hin vollgeladen und ab diesem Zeitpunkt ließ mich Johann nicht mehr los. Wer war er? Wie hat er sein Leben gelebt? Wer war seine Frau? Ich begann mir anhand seiner Kleidung und der Einrichtung des Hauses verschiedene Lebensszenen vorzustellen. Nach einiger Zeit ertappte ich mich aber dabei, wie ich aus diesem mir unbekannten Menschen eine verklärte Version erstellte und einfach alles mögliche ausblendete. In meiner Version gibt es nur Positives,  was in einem Menschenleben ja definitiv unmöglich ist. Jeder muss Erfahrungen machen, die weh tun, nerven oder einfach nur ärgerlich sind. Aber auch nicht jeder Mensch ist nett. Auch wenn ich es mir wünschen würde.

Also versuchte ich doch noch in Kontakt mit Johanns Sohn zu kommen. Katrin erklärte sich bereit, meine email weiterzuleiten.

Ich hoffe nun also, dass Johanns Sohn Lust hat, ein bisschen über seinen Vater zu plaudern, und es mir so möglich macht, ihn zumindest ein klein wenig genauer kennenzulernen. Bis dahin kann ich leider nur erzählen, wie ich diese Hausauflösung erlebt habe, denn mehr weiß ich nicht über Johann und Anna.

 

Textile Geschichten mit Suschna

Susanne Schnatmeyer habe ich vor einiger Zeit bei Twitter entdeckt und seitdem bin ich begeisterte Leserin ihres Blogs „Textile Geschichten„.  Was begeistert mich so sehr, das ich ihr einen eigenen Blogpost widmen möchte? Suschna (so nennt sie sich bei Twitter) behandelt einen Aspekt von Mode und Kleidung, der im deutschsprachigen Raum leider sträflich vernachlässigt wird. Sie schreibt über textile Kulturgeschichte, das heißt sie befasst sich mit historischen Handwerkstechniken, Kleider- und Modefragen in einem kulturellen Zusammenhang und recherchiert zu diesem Zwecke in historischen Originalquellen. Ihre genaue und aufwändige Recherche fasst sie in angenehm formulierten Blogposts zusammen und veranschaulicht sie mit viel Bildmaterial. Sie gibt aber auch Tips zu Ausstellungen und zeigt in ihren Stoffspielereien jeden Monat eigene Umsetzungsversuche von verschiedenen Handwerkstechniken.

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Foto: Susanne Schnatmeyer©

Ende letzen Jahres hat Susanne dann ein wunderhübsches, kleines Geschenkbüchlein im Selbstverlag veröffentlicht. Darin erklärt sie Redensarten, die aus den textilen Handwerken  stammend, fest in unserem heutigen Sprachgebrauch verankert sind.

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Sie forscht nach warum wir aus dem Nähkästchen plaudern, den roten Faden suchen oder gar den Faden verloren haben und erklärt kurz, prägnant und vor allem unterhaltsam, wie der Ausdruck entstand.

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Hier könnt ihr euch das Büchlein noch genauer ansehen.

Ich freue mich, dass Susanne mir ein paar Fragen zu sich und ihrem Blog beantwortet hat. Danke dafür und insbesondere auch herzlichen Dank für die inspirierende Link Liste!

1. Deine Blogbeiträge sind sehr recherchenaufwändig. Wo und wie recherchierst du?

Für die Blogbeiträge habe ich meist spontane Ideen und recherchiere dann hauptsächlich im Internet und meinem Bücherschrank. Zum Glück sind inzwischen viele historische Originalquellen auch digital zugänglich. Sehr viel Aufwand macht die Suche nach Bildmaterial. Ich will ja kein Copyright verletzen, wenn ich fremde Abbildungen im Blog verwende.
Bei größeren Themenkomplexen verlasse ich mich aber nicht allein auf das Internet. Für mein Redensarten-Buch zum Beipiel habe ich viele Wochen in der Unibibliothek verbracht.

2. Du machst das alles in deiner Freizeit? Was machst du hauptberuflich?                  Neben Familien- und Ehrenamtsarbeit nehmen die Recherchen und das Schreiben inzwischen meine gesamte Zeit ein. Vom Brotberuf her bin ich eigentlich Juristin und habe bis zur Elternzeit auch lange als Juristin gearbeitet. Nebenher habe ich dann aber auch immer etwas anderes gemacht, zum Beispiel gemalt und Ausstellungen gemacht.
Inzwischen steht das Bloggen und Büchermachen im Vordergrund. Gerade der erfolgreiche Buchverkauf hat mir gezeigt, dass es für Publikationen über textile Kulturthemen einen großen Bedarf gibt.

3. Woher kommt dein Interesse an textilen Codes, Kostümgeschichte und handwerklichen Techniken?
Ursprünglich war ich hauptsächlich künstlerisch tätig und habe viel gemalt und gewerkelt. Nähen und andere Handarbeitstechniken gehörten für mich immer dazu. Über die Blogs habe ich im Textilbereich dann Gleichgesinnte gefunden, zuerst bei den Ursprüngen des MeMadeMittwoch und dann auch bei der Berlin Modern Quilt Guild. Erst ging es mehr um Techniken und Anleitungen, aber im Lauf der Zeit habe ich gemerkt, dass es auf Deutsch so gut wie keine Blogs gibt, die sich mit kulturgeschichtlichen Themen im Textilbereich beschäftigen. Das ist vor allem im englischsprachigen Raum ganz anders. Dieses Desinteresse und der Mangel an Informationen über ein eigentlich sehr wichtiges Thema hat mich gestört und ich beschloss, mich darauf zu spezialisieren.
4. Welche Blogs, Websites o.ä. inspirieren dich oder liest du selbst gerne?                         Es gibt es viele englischsprachige Seiten, die ich bewundere und die mir Mut machen.
Kate Davies z.B. ist für mich eine gelungene Mischung aus Praxis und Theorie. Auf Deutsch gibt es so einen Hybrid eigentlich gar nicht. http://kickshawproductions.com/blog/ gräbt immer tolle Sachen aus,  American Age Fashion ist eine interessante kulturhistorische Sammlung für Alltagskleidung ab 1900 in den USA, bei Textilis geht es viel um historische Textilproduktion und -wirtschaft. Das sind nur Beispiele für viel andere.
Was die Aufbereitung gemeinfreier Quellen angeht, ist die Public Domain Review für mich ein Vorbild.
Auf Deutsch gibt es zum Kulturthema Mode langsam immer mehr Blogs, Story of my Shirt gehört ja auch dazu 🙂
gaffer deluxefashion twist Texte über Kleidung und Mode oder Kleiderschrank
Dann schaue ich auch gern bei Reenactmentseiten vorbei, Kleidung um 1800 zum Beispiel ist so eine Seite, auf der immer wieder interessante geschichtliche Recherchen zu finden sind.
5. Dein erstes offline Projekt, das Geschenkbuch, verkauft sich gut schreibst du. Hast du noch weitere Pläne für Druckerzeugnisse?                                                                                                                                                                                  Ja, das Buchexperiment war ein voller Erfolg. Die erste Auflage war innerhalb von 8 Wochen vergriffen. Die 2. Auflage wird Anfang März wieder erhältlich sein und ich arbeite an einem Band 2. Mehr darüber in Kürze im Blog. Für die Zukunft habe ich noch sehr viele Ideen für Publikationen. Da ist noch ein goßes leeres Feld zu beackern, wie schön!

Lesestoff

In der letzten Zeit habe ich so viele neue interessante Blogs und Projekte entdeckt, dass ich Euch heute einige davon in diesem Post vorstellen möchte.

Hindi Kiflai – DailyRewind

Anfangen möchte ich mit Hindi Kiflais Blog DailyRewind, den ich wie immer viel zu spät entdeckt habe. Hindi hat 2015 ein tolles Projekt gestartet: jeden Tag postete sie auf ihrem Blog ein Outfit, das komplett aus second hand Kleidungsstücken bestand. Sie schreibt, dass sie einfach keine Lust mehr hatte sich neue Looks diktieren zu lassen und so ist sie auf den „Nachhaltigkeitsgeschmack“ gekommen. Fair hergestellte Biomode ist jedoch nichts für den kleinen Geldbeutel und die Idee war geboren: Cool aussehen geht auch mit second Hand Kleidung. Ich habe mich mit großer Freude durch die Bilder geklickt, weil Hindi in wirklich jedem Outfit toll aussieht. Aber auch ihr sympathisches Lächeln und ihre locker geschriebenen Texte, die sie fast jeden Tag mit einem interessanten Lese- oder Anschau Tipp spickt, haben mir sehr gefallen. Dringende Leseempfehlung!                                                                                                     Hier geht es zu ihrem kleinen Film: What I did last year – DailyRewind 2015

Emily Spivack – worn stories

Das nächste Projekt, das ich wahnsinnig inspirierend fand stammt von der Amerikanerin Emily Spivack, die ich zufällig entdeckt habe. Glücklicherweise habe ich mich von amazon überreden lassen auf den vorgeschlagenen Titel worn stories zu klicken, denn so habe ich ihr Buch und die dazugehörige Homepage kennengelernt. Emily Spivack ist Autorin, Kuratorin und bei all ihren Projekten geht es immer irgendwie um Kleidung. Sie schreibt: „I’m not overly sentimental. Nor am I a hoarder. I just feel a strong connection to the memories that accompany clothing.“  Als ich diesen Satz gelesen habe, war ich schockverliebt und hab mich sehr verstanden gefühlt. Genau darum geht es mir ja auch! Worn stories ist eine Homepage bei der jeder mitmachen kann und ein Foto eines Kleidungsstücks hochladen kann und die dazugehörige Geschichte erzählen kann. Aus den vielen Einträgen hat Emily Spivack dann eine Auswahl als Buch herausgebracht. Darunter sind Geschichten von Greta Gerwig (Schauspielerin), Johnny Cashs Tochter, Piper Kerman (ihr Leben im Gefängnis wurde in der Serie Orange is the new black verfilmt), aber auch ganz normalen, nicht berühmten Leuten, mit teilweise aberwitzigen Anekdoten. Bildschirmfoto 2016-01-29 um 23.20.40

Ein weiteres Projekt von ihr heißt sentimental value, eine Seite auf der sie eBay Kleinanzeigen Fundstücke (Kleidung, Schuhe, Accessoires) vorstellt und die Verkäufer die dazugehörige Geschichte erzählen lässt bzw. den Grund, warum sie verkaufen wollen. Da erzählt zum Beispiel eine Frau, ihre tragisch-romantische Geschichte von ihrem Hochzeitskleid oder man stolpert über eine vom Gericht angeordnete Auktion, in der ein für Whitney Houston maßgeschneidertes Abendkleid in Schlangenhautoptik verkauft werden soll, um ihre Schulden zu begleichen. Achtung Prokrastinationsgefahr, weil sehr unterhaltsam!

refash.net

Eigentlich ist refash.net alles wovon ich schon immer geträumt habe… Ein online shop mit second hand Sachen aber auch upcycling Mode, ein Blog und es gibt sogar einen Laden in Berlin! Das Tolle daran ist, dass der Shop aus internationalen Verkäufern besteht und nicht so glatt ist, wie andere ähnliche Plattformen. Die Fotos sind minimalistisch, aber gerade deshalb so stylisch. Man hat wirklich das Gefühl man geht durch einen coolen Laden irgendwo in Berlin, Warschau oder Eindhoven. Viel Spaß beim stöbern!

Vielleicht findet ihr ein bisschen Inspiration in meiner kleinen Auswahl. Welches Projekt gefällt Euch am besten? Gerne rein damit in die Kommentarfunktion!

 

 

Stoff aus der Vergangenheit

Ich freue mich riesig Euch zwei tolle Frauen vorstellen zu dürfen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht direkt etwas mit Geschichten über Kleider zu tun haben. Aber als ich zum ersten Mal in ihrer Werkstatt zu Besuch war, wurde ich eines besseren belehrt. Laura Lun und Veronika Disl sind Restauratorinnen (www.monalisl.com) und als wir uns kennenlernten, arbeiteten die beiden an zwei wunderschönen Seidenkleidern und einer frühmittelalterlichen (!!!!) Gürtelgarnitur.

© Jan E. Siebert

© Jan E. Siebert (stehend Laura, sitzend Veronika)

Ich durfte eins der ältesten Kleidungsstücke, das ich je gesehen habe, ganz nah betrachten. Sie restaurieren neben Textilien u.a. auch Gemälde, Skulpturen und archäologische Fundstücke und sie haben mir einen spannenden Einblick in ihren Beruf gegeben. Aber lest selbst…

Woher kommt Euer Interesse für alte Kirchen, Reliquien und alte Kunst?

Laura: Also bei mir war es so, dass ich mich eigentlich seit ich denken kann für Kunst interessiere. Meine Tante ist Malerin und ich habe selbst auch immer gemalt, auch das Handwerkliche hat mich immer schon fasziniert. Ich hatte in der Schule auch Kunstleistungskurs. Ich habe als Beruf immer etwas Handwerkliches gesucht, aber eben auch etwas Wissenschaftliches, ich wollte das irgendwie kombinieren. Mich hat aber auch Archäologie und Kunst interessiert. Ich wollte das alles verbinden und da war Restaurierung die perfekte Kombination aus Wissenschaft, Handwerk, auch Chemie, man lernt ja den Umgang mit Lösemitteln, oder Werkstoffkunde, Physik, also wie die Materialien altern. Und man ist hautnah dran an der Kunst und kann mitforschen.

Veronika: Ja bei mir ist das eigentlich genauso. Ich habe mich auch als Kind schon für Kunst interessiert und meine Eltern haben das auch immer unterstützt. Meine Mutter ist auch Malerin und ich habe auch schon immer gemalt. Ich wollte beruflich aber eher etwas praktisches machen und habe dann einen Beruf gesucht, der mit Kunst zu tun hat.

Euer Einstieg kam also über die Kunst…

Laura: Auf alle Fälle! Ich habe mir zwar auch überlegt, ob ich Designerin oder Künstlerin werden soll, aber das war mir dann zu riskant, weil ich nicht auf Knopfdruck kreativ sein kann. Ich wollte auch etwas Handfesteres und eben auch etwas Wissenschaftliches machen. Ich bin dann durch Zufall auf den Studiengang gestoßen. Der Studiengang heißt Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft und gehört zur Fakultät Architektur. Unser Lehrstuhl ist da aber etwas abgekapselt und auch sehr klein.

Zwei Eurer momentanen Projekte kommen aus dem textilen Bereich. Erzählt doch mal von der Herkunft des Gürtels und der Seidengewänder. 

Veronika: Wir haben im Moment zwei Seidengewänder, die wahrscheinlich aus den 1920er oder 30er Jahren sind und aus Eching bei München stammen. Das eine ist so ein Nachtgewand, eine Art Body aus Seide. Leider ist Seide nicht sehr alterungsbeständig, das heisst über die Jahrzehnte zersetzt sich das Gewebe einfach und bricht an vielen Stellen. Bei dem Nachthemd ist der Stoff in der Mitte schon sehr zerbrochen und wir wollen dort den Stoff mit einem neuen Trägerstoff unterlegen. Und zwar wird da ein Bindemittel auf Acrylbasis auf diesen neuen Stoff gestrichen und unter den brüchigen Seidenstoff gelegt und dann mit einer Heizspachtel appliziert. Dafür nimmt man entweder Seide entsprechend dem Originalstoff oder man nimmt einen relativ dünnen, flexiblen Polyesterstoff, der hat den Vorteil, dass er sich auf lange Sicht nicht auch zersetzt. So kann man nach dem Aufbügeln den Originalstoff stabilisieren.

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Tageskleid aus Seide

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Glasperlenstickerei

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Was ist mit den Perlen, nehmt ihr die vorher ab oder halten die die Hitze aus?

Veronika: Nein, die bleiben dran. Es gibt so eine ganz kleine Heizspachtel mit verschiedenen Aufsätzen und damit kann man gut zwischen den Perlen arbeiten. Aber man muss schon aufpassen, dass die Glasperlen nicht mit dem heissen Bügeleisen in Berührung kommen.

Laura: Ich wollte nur noch kurz etwas zu der Ergänzung sagen: Bei manchen Museen ist es gerade gewünscht, dass man sieht wo das alte Stück noch original ist und wo geflickt wurde. Das macht man zum Beispiel zu Lehrzwecken so. Manchmal ist es also wirklich so, dass man zeigen will, dass es restauriert ist, da richten wir uns nach dem Auftraggeber. Museen wollen eher, dass man es sieht und Privatpersonen oder Auktionshäuser wollen meistens, dass man es gar nicht sieht. So macht man das eigentlich bei allen Stücken wie z.B. auch bei Gemälden, man kann die Retusche so machen, dass man sie gar nicht sieht oder so, dass man sieht, wo das Gemälde eigentlich kaputt ist.  Das ist ein interessanter Aspekt, der viel diskutiert wird, wie man denn jetzt am besten ergänzt.

Ich kann mir vorstellen, dass da die Meinungen diametral auseinander gehen….

Beide: Ja das kann man so sagen!

Laura: Es gibt auch verschiedene Schulen, man restauriert in Italien zum Beispiel anders als in Deutschland. Jedes Land hat so seine eigene Methodik und man kann schon sehen, wo was restauriert wurde. Also es wird natürlich auch hier globaler, man schaut sich Sachen ab und übernimmt die dann, man mischt die Stile, kombiniert altbewährte Techniken mit neu entwickelten Techniken und Materialien, man forscht und bildet sich weiter und findet so eine geeignete Technik für das jeweilige Kunstwerk. Die Kunst daran ist, dass wir zwar künstlerisch arbeiten, aber möglichst unaufdringlich und so, dass man es kaum sieht und das zu restaurierende Kunstwerk nicht mit einer eigenen Handschrift „stört“.

Zurück zum zweiten Projekt, dem Gürtel: 

 Laura: Da geht es auch um Textil, aber um sehr altes. Der Gürtel stammt aus einer Blockbergung, das bedeutet, wenn Archäologen ganz empfindliche Stücke mit organischen Resten bergen wollen, dann nehmen sie nicht die einzelnen Stücke heraus, sondern den ganzen Erdblock, so dass nichts kaputt geht. Das ist dann unsere Aufgabe, dass wir aus dem ganzen Erdblock die Stücke herauslösen, untersuchen und unter dem Mikroskop feststellen, ob noch Textil oder Lederreste erhalten sind. Der Gürtel ist frühmittelalterlich, das heisst zwischen 600 und 1000 nach Christus ungefähr, also er ist wirklich alt und nach einer so langen Zeit in der Erde ist von dem Organischen leider nicht mehr viel erhalten. Man freut sich also wirklich, wenn man etwas findet und bei unserer Gürtelgarnitur hatten wir Glück, denn es sind sowohl textile als auch Lederreste erhalten. Das wurde ganz fein säuberlich aus der Erde herauspräpariert und getrocknet und dann wird die Erde Schicht für Schicht abgetragen, bis das Stück freigelegt ist. Danach wird es unter dem Mikroskop nochmal gereinigt, untersucht und konserviert, so dass man noch weitere Tests machen kann. Zum Bespiel kann man u.a. noch feststellen, welche Faser das ist.

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Hier sieht man die textilen Überreste des Kleidungsstück auf dem Teilstück des Gürtels

Habt ihr eine gewisse Ehrfurcht vor den Dingen, die ihr restauriert oder geht ihr da angstfrei daran?

Veronika: Ehrfurcht hat man eigentlich immer davor, nicht weil man Angst hat etwas kaputt zu machen, sondern eher, weil es einfach so alte Stücke sind und die schon so viel „erlebt“ haben. Es ist einfach ein Stück Geschichte, das man da in Händen hält.

Laura: Ich finde das auch immer Wahnsinn, wenn man etwas ausgräbt und dann hat man etwas in der Hand, das der letzte Mensch vor 1500 Jahren an seinem Gürtel getragen hat!

Wenn ihr an den Kleidern oder dem Gürtel arbeitet, überlegt ihr da auch, wer die wohl die Person war, die das mal getragen hat?

Laura: Klar, bei unserer Arbeit hat man ja auch sehr viel Zeit zum Nachdenken nebenbei, das ist ja das Schöne daran! Ich stelle mir dann schon immer Geschichten vor, wie das wohl war damals und wie das ausgesehen haben könnte, als es noch ganz war.

Wenn man sich die Materialien und die reiche Verzierung des Seidenkleides ansieht, so kann man doch aber davon ausgehen, dass das nicht unbedingt ein Bauernmädchen war, sondern doch eher eine Frau aus dem Mittelstand oder sogar eine Adlige, richtig?

Ja, auf alle Fälle jemand der Geld hatte und sich in den höheren Kreisen bewegt hat.

Und bei dem Gürtel ist das doch bestimmt ähnlich oder?

Laura: Ja da gibt es schon Möglichkeiten, da Genaueres festzustellen. Ich habe zum Beispiel einmal eine Fibel (*eine kunstvoll verzierte Nadel, die man sich an  das Gewand steckt) restauriert. Die hat eigentlich langobardisch* ausgesehen (*aus Italien stammend), wurde aber in Bayern gefunden. Da hat man dann zum Beispiel die Textilfasern untersucht und wenn der Stoff auch langobardisch ist, weiß man, dass die Trägerin zum Beispiel gereist ist. Wenn die Textilreste aus der bayrischen Region gewesen wären, hätte das Aufschluss gegeben, dass das wohl eher ein Geschenk war, wie ein Mitbringsel. Solche Nachforschungen machen aber eigentlich eher Archäologen, unsere Aufgabe ist es die Stücke in so einen Zustand zu bringen, dass Nachforschungen überhaupt möglich sind.

Wird man die Stücke besichtigen können nach der Restaurierung? Wenn ja, wo? 

Die Kleider wird man auf alle Fälle im Heimatmuseum Unterschleißheim besichtigen können. Zu dem Gürtel ist auch eine Ausstellung geplant, die noch mehr Stücke vom Ausgrabungsort zeigen soll. Es ist aber noch nicht sicher wie die Ausstellung heißen wird und wann sie stattfindet.

Was war bis jetzt Euer spannendstes Projekt? 

Veronika: Also ich mache neben Gemälden und Skulpturen ja auch Reliquiare, das sind die Aufbewahrungskästen für die Reliquie selbst. So etwas gefällt mir schon sehr gut, weil da so viele verschiedene Materialien verwendet werden. Also florale Darstellungen aus Gold- und Silberdraht, Glassteine, Edelsteine, Textil oder auch Federn. Diese Materialkombinationen finde ich besonders spannend.

Laura:  Man bekommt ja soviel zu sehen, da ist eins spannender als das andere. Aber meine drei Höhepunkte waren zum einen eine Blockbergung letztes Jahr mit ganz viel Organik darin, also Textil und Lederreste, das war schon spannend. Sowas hatten wir bis dahin nur in der Ausbildung. Und jetzt auch das mit dem Pferdchen an dem Gürtel, das ist schon was sehr Tolles.

Ein weiteres Highlight, sind unsere Türkei Aufenthalte in Gaziantep in Südostanatolien für die Universität Münster/die Forschungsstelle Asia Minor. Wir sind da also die Grabungsrestauratorinnen und sind da jedes Jahr 4-6 Wochen vor Ort.  Wir restaurieren da erst mal die kleineren Funde, die ausgegraben werden, also Schmuck, ganz viele Münzen und Perlen. Das ist eine riesige Ausgrabungsstelle, die es seit 2002 gibt und es gibt so viel zu finden dort. Ist ja klar, da waren die Römer, die Griechen, die Syrer und dieses Jahr wurden zum ersten Mal neolithische Überreste gefunden! Dieses Mal wurde auch ein Mosaikboden gefunden, den wir dann freilegen, reinigen und konservieren durften. Wir dokumentieren das dann vor Ort, denn die Fundstücke bleiben in der Türkei, und die Uni Münster wertet dann unsere Dokumentation aus.

Was Gemälderestaurierung betrifft, da hatten wir mal ein Gemälde das war sehr vergilbt und das sollten wir restaurieren, dann haben wir den Rahmen abgenommen und festgestellt, dass das Bild durch die Unterschrift des Künstlers abgeschnitten war und das Reststück der Leinwand im Rahmen steckte! Dann haben wir die Besitzerin gefragt, ob wir das wieder anstückeln sollen, denn das Bild hat ja dann eine ganz andere Wirkung, wenn es länger ist! Das war wirklich sehr viel Arbeit und dann war es tatsächlich auch ein bekannterer Münchner Maler Max Mayrshofer, der unter Sammlern recht bekannt ist. Das war am Anfang unserer Selbstständigkeit und war ein ziemlich schweres Stück Arbeit, das wir aber gut hinbekommen haben.

Und dann haben wir mal einen ganzen Altar konserviert, dafür haben wir auch zum ersten Mal einen richtig großen Kunsttransport selbst organisiert. Da haben wir für eine Kirche, die keinen Altar hatte, aus dem Kirchendepot einen passenden Altar suchen sollen und sollten dann die Kirche damit bestücken. Und der Altar den wir ausgesucht haben, hat wirklich richtig gut reingepasst und wir haben uns wahnsinnig gefreut, dass alles so gut geklappt hat.

Veronika: Und Anfang dieses Jahres haben wir 3 Gemälde für die Napoleon Ausstellung restauriert!