upcycling project
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Oma Therese’s Welt

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Heute möchte ich gerne ein Projekt zeigen, das ich nicht für mich, sondern für jemand anderen gemacht habe.

Als ich das erste Mal Julias Wohnung betrat, fiel mir sofort ein unglaublich tolles, gerahmtes Foto auf. Eine schwarz-weiß Fotografie, ungefähr aus den 40er Jahren, von einer Dame im Strandkorb. Ich dachte immer, dass das ein Bild aus einem Fotografie-Bildband oder ein Foto einer Schauspielerin sei. Bis ich nun erfahren habe, dass diese schöne und glamouröse Dame Julias Oma Therese ist! Und über diese Dame gibt es einiges zu erzählen…
Liegestuhl

Julia jetzt erzähle doch mal, die Jeansbluse, die ich verarbeitet habe, hat dir Deine Oma geschenkt. Das war eine van Laack Bluse, die sehr teuer sind. War dir das bewusst?

Ja, schon. Meine Großmutter hatte bis sie ca. 90 Jahre alt war eine Modeboutique für besser gestellte, ältere Damen, in der sie hochwertige Klamotten verkauft hat, also Kaschmirpullis und Sachen von Escada und van Laack usw.

Hat sie diese Kleidung als Statussymbol gesehen?

Nicht wirklich, meine Oma war nie insofern auf Statussymbole aus, als dass sie eine Markenhandtasche getragen hätte mit einem fetten Label Emblem darauf. Es war ihr auch nicht wichtig, einem neuen Trend zu folgen, wichtig war ihr eine sehr, sehr gute Qualität zu haben, hochwertig gearbeitete Sachen und gute Stoffe, dass man wusste, wo es herkommt und gut verarbeitet war. Meine Oma hat ihre Kleidung oft über 30 Jahre getragen und die sahen wirklich noch aus wie neu. Also etwas, das ich kaum schaffen würde.

Dadurch hatte Sie wahrscheinlich auch ihren ganz eigenen, einzigartigen Stil nehme ich an?

Ja klar, dadurch dass sie die Kleidung so lange getragen hat, hatte sie einen ganz einheitlichen bzw. kontinuierlichen Stil. Was sie meistens trug, war so ein längerer Bundfaltenrock, aber auch mal etwas Schickeres aus Tweed oder einem feineren Stoff und dazu eine Bluse. Sie hat aber zum Beispiel fast nie Kleider getragen und Hosen…das war nur was für den Urlaub!

Und die Jeansbluse, aus der ich jetzt den Rock gemacht habe, kam die aus der Boutique oder hat sie die selbst getragen?

Nein, die kam aus der Boutique, die hat sie mal für mich gekauft und meinte, das wäre doch mal was „junges und frisches“ für mich, weil sie aus Jeansstoff war. Eben etwas Legereres, aber doch etwas, das ihren Qualitätsansprüchen gerecht wurde. Aber ich habe die Bluse vielleicht ein oder zweimal getragen, weil ich mich darin nie wohl gefühlt habe.  Das hat sich immer so angefühlt als wolle sie mich einkleiden, was sie gerne mit allen getan hat. Und ich wollte wiederum lieber meinem eigenen Stil treu bleiben. Ich glaube, ich war 14 oder 15, als sie mir diese Bluse geschenkt hat, also ich habe diese Bluse schon Ewigkeiten! Ich habe sie immer mit rumgeschleppt, habe mich gleichzeitig aber auch nie getraut sie wegzugeben, weil das ja die „gute Bluse“ von Oma war! Ich dachte, vielleicht kommt das noch, dass ich mich irgendwann darin wohlfühlen würde und ich müsste nur „erwachsen“ werden. Aber ich glaube, viel erwachsener als ich jetzt bin, werde ich auch nicht mehr. Es war einfach immer ein gewisser Widerwille da, mich von meiner Oma, so gerne ich sie auch mag, mit ihren van Laack Blüschen einkleiden zu lassen…

Aber jetzt lebt die Bluse ja weiter, nur in etwas anderer Form!

Genau das war das Ziel, denn so wie sie jetzt ist, ziehe ich die Bluse gern an, weil du sie eben in einen neuen Kontext gesetzt hast. Es ist etwas Neues daraus geworden, was viel mehr ich bin, als diese Bluse je war!

Lebt Deine Oma noch? Und wie lange hat sie diese Boutique betrieben?

Also meine Oma ist jetzt 103 und sie hat in der Boutique gearbeitet bis sie fast 90 war. Sie hat das Geschäft nach dem Krieg mit ihrer Schwester zusammen im Ruhrgebiet aufgebaut und hat damit auch recht gut verdient. Anfangs war das eher so ein Reparaturladen für Nylonstrümpfe. Damals war das ja nicht so, dass man sich bei dm einfach neue Strümpfe kauft, wenn die alten eine Laufmasche hatten, sondern die mussten geflickt werden. Aus diesem anfänglichen Strumpfreparatur-Service ist dann das Geschäft gewachsen. Sie stand jeden Tag selbst im Laden und hat Kundinnen beraten und hat auch immer ganz liebevoll die Schaufenster dekoriert.
Schrank

Erzähl doch mal von dem unglaublich schönen Foto, das da gerahmt in deiner Wohnung steht.

Das ist ein Urlaubsfoto, meine Oma ist zwar viel in der Welt herumgereist, aber am liebsten hat sie Urlaub an der Nordsee gemacht. Und wenn wir zusammen im Urlaub waren, wurde immer ein Strandkorb gemietet. Ich weiß leider gar nicht, wie alt sie auf dem Foto war, aber ich vermute so zwischen 20 und 30.

…ein sehr glamouröses Foto!

Ja, meine Oma ist gerne in guten Hotels abgestiegen, immer Taxi gefahren und hat sich nie die Haare selbst gemacht, sondern ist immer zum Friseur gegangen. Es war alles immer picobello bei ihr: Die Haare lagen richtig, die Kleidung saß, es sah alles immer aus, als wäre es frisch gebügelt, sie war wie aus dem Ei gepellt! Sie war aber dabei auch eine sehr belesene, intelligente und unabhängige Frau, was ich immer bewundert habe. Ihr Mann ist sehr früh gestorben und danach hat sie nie wieder geheiratet, auch wenn sie mit ihren Verehrern gern mal geflirtet hat.

Und das gestreifte Kleid, das du mir zur Verarbeitung gegeben hast, was hatte es damit auf sich?

Ja das war so ein H&M Kleid, das ich auch nur ein oder zweimal an hatte. Ich mochte die Streifen und das war so ein Hemdkleid, aber das saß irgendwie nie richtig und knitterte sofort. Aber auch davon konnte ich mich nicht trennen.

Was meinst du würde deine Oma zu dem Rock sagen?

Ich bin mir sicher, dass er ihr gefallen würde. Sie sieht nur leider nicht mehr so gut, daher würde sie ihn erst mal anfassen, um zu erfühlen, ob es ein guter Stoff ist – was er ja ist. Vielleicht ist sie aber auch ein bisschen empört, dass du die gute Bluse zerschnitten hast. Und  irgendwie, ist es ja auch eine kleine Revolte… aber ich glaube da kann sie drüber hinwegsehen und dass sie ihn, wie ich, toll finden wird… vom Stil her, der Farbkombination und vom Schnitt –  er sitzt ja auch einfach verdammt gut!

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  1. Pingback: Über das Reparieren | story of my shirt

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