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Über das Reparieren

Neulich habe ich eine Geschichte vorgelesen, die davon handelte, wie ein kleines Mädchen Schwierigkeiten hatte sich an die neue Patchwork-Familie zu gewöhnen, weil ihre Mutter wieder heiratete. Sie hasste das Wort Patchwork und ihre Oma schenkte ihr zur Hochzeit aber genau eine solche Decke. Das Schöne an der Geschichte ist, die Decke hat die Oma aus Textilien zusammen genäht, die einmal Menschen gehörten, die das Mädchen sehr liebt. Oder auch ein geliebtes Kleidungsstück, das ihr zu klein geworden ist, hat die Oma in den Quilt eingearbeitet. Sie zeigt ihr damit, dass es möglich ist, ganz verschiedene Fleckerl, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, zu einem Ganzen zusammenzufügen. Für das kleine Mädchen heißt das im übertragenen Sinn, dass sie sich an die neuen Familienmitglieder gewöhnen wird und mit ein bisschen Empathie und Liebe auch mit ihnen zu einer neuen Familie zusammenwachsen kann. Mir gefällt das Bild und es liesse sich auch im Großen gesamtgesellschaftlich anwenden. Oh well…

„The act of sewing is a process of emotional repair.“                                                                                                         Louise Bourgeois

Es soll also um das Reparieren gehen, hier bei mir. Kleidung zu reparieren ist in etwa so alt wie das Herstellen von Kleidung selbst. Erst in jüngster Zeit wurde es zurück gedrängt von fast fashion, die statt dem Reparieren den Neukauf an erster Stelle sieht. Die Reparatur von Kleidung ist jedoch etwas, das immer auch auf kunstvolle Weise geschieht, setzt es doch eine gewisse Kenntnis des Materials, aber auch des Trägers voraus.

Sashiko

Ich habe zwei spannende Reparaturthemen herausgesucht und will Euch als erstes von Sashiko erzählen, eine alte, japanische Form des Stickens bzw des Quiltens. Ende des 19.Jahrhunderts war Sashiko eine Methode, um robuste Kleidung für Fischer, Bauern und Feuerwehrmänner herzustellen. Es wurden Stoffstücke aus Hanffaser mit speziellen Stichen zusammengenäht, um dem neuen Kleidungsstück Stabilität und dem Träger Schutz vor Kälte oder Hitze zu geben. Es wurden aus alten, kaputten Kleidungsstücken die guten Stücke herausgeschnitten und mit der Sticktechnik zu einem neuen Stück zusammengesetzt. Das Wort Sashiko bedeutet übersetzt „kleine Stiche“.

Die kunstvoll, gestickten Muster dienten auch als Talismane und sollten den Träger vor Bösem oder Gefährlichem schützen. Es wurden kleine Muster in der hinteren Nackenlage, des Saums oder in den Ärmeln des Kimonos oder der Jacke eingestickt, die böse Geister davon abhalten sollten, durch die Kleidung an den Körper zu gelangen.

Inzwischen wird die Sticktechnik eher zu dekorativen Zwecken genutzt und es gibt wirklich tolle Muster, die mich durch ihre minimalistische Schönheit immer wieder faszinieren. Es gibt aber z.B. den Trend zerrissene Jeans mit der klassischen Sashiko-Technik zu flicken, der letztendlich wieder zum Ursprung der Technik zurückkehrt.

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Beliebte Sashiko Muster (Quelle: about.com)

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Jeans mit der Sashiko Technik geflickt (Quelle: diy-d1.blogspot.de)

Hier geht es zu Bildmaterial, die meine obige Beschreibung von Sashiko noch weiter veranschaulichen soll: ein paar schöne, historische Kimonos gibt es im Katalog des Victoria and Albert Museums, Mihu Takeuchi eine amerikanisch-japanische Sashiko-Lehrerin gibt eine lesenswerte und sehr gut bebilderte Einführung zu Sashiko und auf good old Instagram gibt es unter dem Hashtag sashiko eine überwältigende und sehr kreative Menge an Posts zum Thema. (Achtung Prokrastiniergefahr!)  Einen tollen Blogbeitrag zum Thema Sashiko hat Jessica Marquez für designsponge.com geschrieben. Dort zeigt sie die Technik, um Jeans dekorativ zu reparieren. Sehr lesenwert!

make do and mend

Dass aus alten, zerrissenen Kleidungsstücken neue hergestellt werden, war insbesondere zu Kriegszeiten oder in der Nachkriegszeit eine essentielle Technik, die die meisten anwandten. Während des 2.Weltkriegs gab es in England sogar eine Kampagne des British Ministry of Information, in der dafür geworben wurde aus alten Materialien und gebrauchter Kleidung neue herzustellen bzw. zerrissene Kleidung zu reparieren. Die kleine Broschüre hieß „Make, Do and Mend“ und enthielt unzählige Tipps zur Instandhaltung von Kleidung.

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Tipps um Löcher zu Flicken

 Es wurden sogar Nylonstrümpfe geflickt! Als ich Julia interviewt habe und sie mir von ihrer tollen Oma Therese und ihren Anfängen als Ladenbesitzerin erzählt hat, kam dieses Thema auch auf. Oma Therese begann nämlich in der Nachkriegszeit mit einem Strumpfreparaturservice, den sie über die Jahre in eine gut geführte Boutique für Qualitätskleidung entwickelte. Zum Interview mit Julia geht es hier.

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Cover der Broschüre und Tipps für Wollkleidung – aufribbeln, neu stricken oder filzen!

Durch die jahrelange Rationalisierung von Material blieb den Menschen keine andere Möglichkeit, als durch Wiederverwendung an neue oder modernere Kleidung zu kommen. Und das Gefühl neue Kleidung haben zu wollen, ist meiner Meinung nach nichts schlimmes, im Gegenteil es ist etwas zutiefst menschliches. Es drückt unter anderem auch aus, dass man sich als Person verändert hat und man das nach aussen tragen möchte. Kleidung als Identitätsausdruck.

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Für mich persönlich hat das Reparieren etwas Tröstliches und Beruhigendes. Es ist immer verbunden mit einem guten Ausgang, denn das reparierte Teil ist wieder gebrauchsfähig. Es gibt mir das Gefühl etwas Beständiges für mich persönlich zu schaffen, indem man altes Material wiederverwertet. Trotzdem ist es möglich durch eine Neugestaltung dem Bedürfnis nach etwas Neuem nachzukommen.

Wenn ihr auch so ein Teil zuhause habt, das ihr eigentlich nicht wegwerfen wollt, aber schon lange nicht mehr tragt, meldet Euch bei mir. Ich helfe gerne – let’s make do and mend!

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