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story #2 Julia

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Hose von Julia Richter (www.apersonalstyle.com)

Wann und wo hast du das ausgewählte Kleidungsstück gekauft?

Die Hose, die ich mir für das Porträt ausgesucht habe, gehörte meinem Vater und ist eigentlich Teil eines ganzen Anzuges. Der Anzug ist aus Woll-Tweed und stammt aus den 70er Jahren und meine Mutter, die gerne Sachen aufhebt, hat ihn im Speicher aufbewahrt. Ich fand den sehr cool, besonders weil ich auch gerne Herrensachen trage. Die Hose begleitet mich jetzt schon sehr lange. Mein Vater ist ungefähr genauso groß wie ich und deshalb passt mir die Hose auch so gut. Er selbst würde da jetzt nicht mehr hineinpassen und auch früher muss er das sehr eng anliegend getragen haben. Mein Vater hatte früher auch so fette Koteletten, das hat schon gut ausgesehen.

Warum hast du es für dieses Porträt ausgewählt, was macht es so besonders für Dich?

Ich finde es toll, Kleidungsstücke zu vererben, und dass meine Mutter die „guten Sachen“ aufbewahrt hat. Sie hat gerne hochwertige und schöne Sachen gekauft mit sehr guter Qualität. Diese guten Sachen, die ihr auch etwas bedeutet haben, weil sie sie zum Beispiel an einem bestimmten Ort gekauft hat, in ei
ner bestimmten Boutique oder zu speziellen Anlässen, die hat sie alle auf dem Speicher aufgehoben. Für mich war das natürlich super, weil ich Flohmärkte schon immer mochte, so dass ich dort dann aus unserem eigenen Archiv schöpfen konnte. Ich mache das inzwischen auch selber, dass ich eine Menge Klamotten und Schuhe aufhebe. Und meine Töchter fangen jetzt auch schon an meine alten Sachen anzuziehen. Das Aufheben und Weitergeben ist also inzwischen schon bei der nächsten Generation angekommen.

Für mich ist es deshalb so besonders, weil es ein Familienstück ist, das weitergegeben wurde. Ich trage die Hose zwar in einem anderen Kontext, aber das Stück wird wirklich weiter genutzt. Und wer weiß, wenn die Motten nicht drangehen, gebe ich es meinen Töchtern weiter.

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Foto: Frank Bauer (www.frankbauer.com)

Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben? 

Ich liebe Vintage. Ich mag die Geschichte, die die Teile mit sich bringen, ich mag die Verarbeitung und die Qualitäten, aber ich bin niemand, der sich von Kopf bis Fuss in so einem „period style“ anzieht. Das ist mir zu kostümig und nicht meins. Ich nehme gerne die alten Dinge und interpretiere sie in einem modernen Kontext neu – das ist für mich das Moderne und Trendige dabei. Ich mag das schon, wenn man sich komplett 70ies-mäßig anzieht, aber so ein kleiner Bruch oder Twist muss rein, sonst sieht es aus, als wäre man in einer alten Zeit hängengeblieben. Von Kopf bis Fuß in Vintage kann man machen, wenn man ganz jung ist, dann ist der Bruch das Jung Sein.Ich mag aber auch modernes Design sehr. Ich liebe innovative Designer und das dann mit Vintage zu kombinieren, finde ich toll.

Ich kaufe gerne gebrauchte Sachen, weil mir auch dieser schnelle Durchlauf an Waren zuwider ist. Ich kaufe auf ebay, in Secondhand Läden, Flohmärkten oder in Charity shops wie zum Beispiel Oxfam. Und ich liebe es mir zu überlegen, wer die Sachen wohl vor mir getragen hat. Wenn der Schmuck oder die Kleidung reden könnten, das wäre toll! Ich glaube schon auch, dass die gebrauchte Kleidung seine Geschichte weiter ausstrahlt. Ich habe mir z.B. neulich ein Collier von Nina Ricci gekauft und mir vorgestellt, welche Schwabinger Glamour-Lady das wohl getragen hat. Indem ich mir diese Geschichte ausdenke, kann ich, wenn ich das Collier trage, den Glamour der Vorgängerin auch ausstrahlen. Das überträgt sich.

Neue Sachen kaufe ich auch, das sind dann aber eher Basics. Oft ist es leider so, dass das was mir gefällt, ich mir nicht leisten kann oder will. Dann schaue ich halt, ob ich Kleidung des Designers second hand bekomme. Designerkleidung ist für mich kein Status Symbol und ich lege auch keinen Wert darauf Sachen aus der aktuellsten Kollektion zu haben. Ich finde das eher belastend.

Ich finde es viel wichtiger, sich einen eigenen Stil zusammen zu stellen. Elemente dafür zu finden, die länger halten und die man auch anderweitig wieder kombinieren und in einen anderen Kontext setzen kann. Das ist eigentlich das, was für mich einen eigenen Stil ausmacht.

(An dieser Stelle haben wir uns noch über Yohji Yamamoto unterhalten: „Yohji Yamamoto on how not to be a fashion victim“)

Ich bin aber auch nicht davor gefeit, auch mal ein Billigteil zu kaufen, wenn ich das richtig schön finde. Ich versuche aber, das einzuschränken und vor allem mein Bewusstsein über die Herstellungsbedingungen nicht auszuschalten. Aber dieses Kaufen, um Wegzuwerfen ist mir schon sehr zuwider. Diese Kleiderberge, die dadurch entstehen sind ja nicht zu bewältigen. Ich glaube, wenn Kleidung generell etwas mehr kosten würde, würde sich das auch von allein regulieren, weil die Leute dann nicht so wahllos neue Sachen kaufen würden. Oder zumindest würden die Leute ein bisschen mehr darüber nachdenken und damit wäre schon vielen Menschen geholfen. Und das betrifft ja auch nicht nur Kleidung, sondern generell den Konsum von Dingen. Wenn die Dinge zum Beispiel auch ein bisschen besser gekennzeichnet wären – Wo wurde das zu welchem Preis hergestellt? – dann würde das das Bewusstsein der Leute schon schärfen.

Wie hast du deine Models für deinen Blog gefunden? Sprichst du Leute auf der Straße an?

Nein, ich brauch es schon ein bisschen komplexer, denn ich mache ja keinen „Look of the day“. Mich interessiert auch, wie die Porträtierten am nächsten und übernächsten Tag aussehen. Ein tolles Outfit reicht mir nicht, das kann ich zwar toll finden und mich inspirieren, aber dass mich der Stil des Menschen begeistert, da gehört schon mehr dazu. Dazu muss ich denjenigen öfter sehen, sehen wie er in verschiedenen Stimmungen aussieht und einfach über einen bestimmten Zeitraum sehen, wie er sich kleidet. Und die Persönlichkeit des Menschen muss ich ja auch erst kennenlernen und sehen, ob wir uns überhaupt verstehen. Ich will auch erst sehen, wie sich die Persönlichkeit mit seinem Stil verbindet und ob das zusammenpasst.

Das einzige Blinddate war tatsächlich Brigitta, Claras Mutter. Sie kannte ich nicht persönlich vorher, aber sie ist in ihrer ganzen Erscheinung einfach so speziell, dass ich da das Risiko eingegangen bin. Es ist mir aber auch schon passiert, dass ich angefangen habe zu fotografieren und es ist von beiden Seiten nicht fortgesetzt worden. Eine ist zum Beispiel nicht damit zurecht gekommen, dass ich die Bilder auswähle, so wie ich sie sehe. Es geht bei mir nicht um Selbstdarstellung, sondern um meine Sicht von außen auf die dargestellten Personen. Das heißt natürlich aber auch, dass die Models die Kontrolle an mich abgeben und es möglicherweise auch Bilder gibt, auf denen sie sich selbst nicht so gut gefallen. Dazu braucht es eine sehr große Vertrauensbasis, aber das ist für meine Models genau das Spannende daran, dass sie durch meine Sicht eine andere Facette von sich kennenlernen können.

Julia Richter ist gebürtige Münchnerin und hat lange in Los Angeles und London gelebt. Sie ist Modedesignerin, hat als Trendscout gearbeitet und 2011, zurück in München, den Blog „a personal style“ gestartet. Dort porträtiert sie Personen und ihren Kleidungsstil über mehrere Jahre hinweg. Wer nun das gesamte Outfit mit der oben beschriebenen Hose sehen will, der folge bitte diesem Link: JULIAS HOSE

Ich habe Julias Blog bei meiner Recherche nach coolen Münchner Bloggern entdeckt. Und dann stand sie auf einmal bei einem Konzert vor mir – da musste ich sie einfach anquatschen. Wir verstanden uns, folgten uns gegenseitig auf allen Kanälen, tranken Bier und sie hatte Lust hier mitzumachen. Vielen Dank dafür!

english version

When and where did you buy your chosen piece of clothing?

The pants I chose belonged to my father and are originally part of a full suit. The suit is made of wool tweed and he bought it in the 70ies. My mother, who loves hoarding things, stored the suit away in the attic. I thought it was pretty cool especially because I like to wear mens’ fashion. Those pants have been with me for quite a while now. My father is roughly my height and this is why his pants fit me so well. He wouldn’t fit in them himself any more and even back then they must have been pretty tight. My father had some neat sideburns and I suppose he looked pretty good in that outfit.

Why did you choose it, what makes it so special to you?

The fact that I just love to inherit clothes and that my mother only kept the „good pieces“. She liked to buy high quality, beautiful clothes. She kept those good pieces in the attic but only those which meant something to her because she bought it for example in a special place, in a certain shop or for a special occasion. That was perfect for me as I always liked flea markets and the attic would allow me to find stuff from our own archive. In the meantime I started keeping a lot of clothes and shoes myself and my daughters have started wearing my old clothes. The safekeeping and the inheriting has arrived at the next generation already.

For me those pants are so special because they are a family piece that I inherited. I wear the pants in another context but the piece itself is being kept in use. And who knows, if the moths don’t eat those pants, I’ll give them to one of my daughters some day.

How would you describe your own style?

I love vintage. I like the stories those pieces bring, I like how they were made and the materials. But I’m not someone who dresses head to toe in period style. That is too much of a costume to me and I don’t really like that. I like to take the vintage pieces and interpret them in a new context – that for me is modern and trendy. I do like to dress very 70ies but there has to be a twist or it has to be broken somehow – otherwise it just looks like you’ve got stuck in a time warp. You can do head to toe in vintage if you’re young, then your youth gives the outfit its twist. I do love modern design as well though. I love innovative designers and combine their stuff with vintage pieces.

I like to buy used things because this short-lived use of products is really repugnant to me.  I use platforms like eBay, buy in second hand shops, flea markets or in charity shops like Oxfam. And I really love imagining who could have worn the clothes before me. If only jewelry or clothes could talk! I think that one can almost sense the story behind used clothes. For example, I bought myself a Nina Ricci collier the other day and I imagined which glamorous, Munich lady could have worn it before. In imagining that story I can assume the glamour of the former owner and feel it myself. It gets passed on.

I also buy new things but that’s more basics. Often, unfortunately, if I like something I can’t or don’t want to spend the amount of money it costs. Then I will go and look for something from that designer second hand. Designer clothes are not some sort of status symbol for me and I don’t need to own pieces from the latest collections. I find that exhausting.

What’s more important for me is to create your own style. Finding elements for it which last longer and which can be combined in many ways and be put in different contexts. For me that’s the essence of your very own style.

(At this point we kept talking about Yohji Yamamoto. For further reading go to this article: „Yohji Yamamoto on how not to be a fashion victim“)

I’m not immune to buying a pieces of fast fashion myself though, if I really like it. I try to keep myself from doing it though and strive to be conscious about the way it was produced. But I really don’t like this buying for the dustbin. The mountains of clothes fast fashion creates are impossible to deal with. I think if fashion would be a bit more expensive in general then it would sort itself out because people wouldn’t buy clothes so impulsively. Or at least people would start thinking about it more and even that would help a lot of people already. And it not only concerns clothes but consumerism in general. I think it would make people more conscientious about the way things are produced if they would be able to see it on the label of the product they want to buy – Where was this produced and for what price?

How do you find your models for your blog? Do you ask people on the streets?

No, I need a little more complexity because I don’t do „look of the day“. I’m interested in how they are dressed the next day as well and the day after. A nice outfit is not enough for me, I can like it and be inspired by it, but I need more than that to be excited about the whole style of the person. I need to see him/her more often to see how he/she looks in different moods and basically just see how he/she dresses over a certain amount of time. I need to get to know the personality of him/her and see if we get along. I need to see how his/her personality is matched with the style and if it’s a good match.

The only blind date really was Brigitta, Clara’s mother. I didn’t know her before but she is so special as a whole that I just took the risk. But there was a case where I started photographing somebody and then it just ended. One person for example just couldn’t take the fact that I’m the one who choses the pictures the way I see her. My blog is not about self-expression but about the way I see people from the outside. That means the models hand over control and that there will be possibly one picture or another of them in which they don’t like themselves. It takes a lot of trust but that is exactly what makes it interesting; my models will get to know a different facet of themselves through my eyes.

Julia Richter was born in Munich and lived in Los Angeles and London for a long time. She is a fashion designer, worked as a trend scout and when she came back to Munich in 2011 she started her blog „a personal style“. There, she portrays people and the way they dress over a longer period of time.  If you want to see Julia in her whole outfit wearing her fathers’ pants, just follow this link: JULIA’S PANTS

I found Julia’s blog while researching cool Munich bloggers. And then one day she was just standing in front of me watching the same concert – I had to talk to her then! We liked each other, followed each other on every social media channel we were on, drank beer and she wanted to do this interview! Thank you so much, it was great fun.

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3 Kommentare

  1. Eine spannende Sicht auf Stil und Brüche! Ja, genau, kann ich aus vollem Herzen zustimmen: Altes ist schon gut, aber in Kombination mit Neuem modernisiert, das finde ich richtig gut. Und Stil kommt von Persönlichkeit, nur dann ist es authentisch. Danke für diesen grandiosen Beitrag! lg, Gabi

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  2. Pingback: story #4 Timmy |

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