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story #2 Julia

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Hose von Julia Richter (www.apersonalstyle.com)

Wann und wo hast du das ausgewählte Kleidungsstück gekauft?

Die Hose, die ich mir für das Porträt ausgesucht habe, gehörte meinem Vater und ist eigentlich Teil eines ganzen Anzuges. Der Anzug ist aus Woll-Tweed und stammt aus den 70er Jahren und meine Mutter, die gerne Sachen aufhebt, hat ihn im Speicher aufbewahrt. Ich fand den sehr cool, besonders weil ich auch gerne Herrensachen trage. Die Hose begleitet mich jetzt schon sehr lange. Mein Vater ist ungefähr genauso groß wie ich und deshalb passt mir die Hose auch so gut. Er selbst würde da jetzt nicht mehr hineinpassen und auch früher muss er das sehr eng anliegend getragen haben. Mein Vater hatte früher auch so fette Koteletten, das hat schon gut ausgesehen.

Warum hast du es für dieses Porträt ausgewählt, was macht es so besonders für Dich?

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story #1 Torben

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Wann und wo hast du das ausgewählte Kleidungsstück gekauft?

Das Shirt habe ich im letzten Jahr im Online-Shop des kalifornischen Schallplattenlabels Dark Entries Records bestellt. Und eine Woche nachdem es per Post ankam und ich mich in Design, Druck & Passform verliebt hatte, habe ich es gleich noch ein zweites Mal bestellt.

Warum hast du es für dieses Porträt ausgewählt, was macht es so besonders für Dich?

Da muss ich jetzt ein wenig ausholen. Auf dem Shirt ist das Portrait von Patrick Cowley zu sehen, ein amerikanischer Musiker & Produzent und für mich eine Ikone und Leitfigur schwuler Tanzmusik. Zusammen mit Sylvester hat er in den späten 70ern und frühen 80ern HiNRG-Hits wie „Do you wanna funk“ oder „Menergy“ produziert. Manch einer kennt vielleicht auch seinen 15-Minuten Remix von Donna Summers „I feel love“. Seine Musik bedeutet mir sehr viel, trotz oder gerade wegen ihrer Schwülstigkeit und ihrem überbordenden Hedonismus, der in einem krassen Spannungsverhältnis zu der Situation der Gay-Community in den frühen Achtzigern steht. Das war ja eine ziemlich dunkle Zeit. Soziale Ausgrenzung & Stigmatisierung, gewalttätige Übergriffe, die ersten AIDS-Fälle und die damit verbundenen Unsicherheiten und Ängste. Cowley gehörte dann auch gleich zu den ersten prominenten AIDS-Toten, er verstarb bereits 1982 mit 31 Jahren. Kaum auszudenken, was da musikalisch noch möglich gewesen wäre.

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Torben aka Sergeant Pfeffer

Gibt es ein Erlebnis, das Du damit verbindest? Welches?

Neben allem oben bereits gesagten, mag ich sehr gerne, wie dieses Shirt in mein Leben kam. Aufmerksam darauf wurde ich durch einen Facebook-Post der von mir sehr geschätzten Marea Stamper a.k.a. The Black Madonna. The Black Madonna ist eine Musikerin & Produzentin aus Chicago. Ich bin nicht nur Fan ihrer Musik und die Art, wie kreativ und zwingend sie als DJ mit dem immensen Archiv amerikanischer Housemusik umgeht, sondern vor allem auch ihren Style und ihre Idee von sozialer Gerechtigkeit und Community-Building. Marea widersetzt sich vehement gängigen Lookismen & einem Status Quo, der Tanzmusik an einen Idealtyp des weißen, jungen & unbekümmerten Mannes koppelt. Auf ihrer Facebook-Seite schreibt sie eine Art kleines Manifest, das einen ganz guten Einblick in ihre Idee von Tanzmusik gibt:

„Dance music needs riot grrrls. Dance music needs Patti Smith. It needs DJ Sprinkles. Dance music needs some discomfort with its euphoria.Dance music needs salt in its wounds. Dance music needs women over the age of 40. Dance needs breastfeeding DJs trying to get their kids to sleep before they have to play. Dance needs cranky queers and teenagers who are really tired of this shit. Dance music needs writers and critics and academics and historians. Dance music needs poor people and people who don’t have the right shoes to get into the club. Dance music needs shirts without collars. Dance music needs people who struggled all week. Dance music needs people that had to come before midnight because they couldn’t afford full admission. Dance music does not need more of the status quo.“

Das ist ein Ansatz, der mich tatsächlich sehr berührt, weil er als klare Absage an die oftmals üblichen Lifestyle-Plattitüden des globalen Elektronik-Jet-Sets zu verstehen ist. Marea bespielt eine Tanzfläche, auf die sie vor allem auch die Außenseiter lädt. In diesem Sinne sehe ich ihre Shirt-Wahl natürlich auch als Statement. Wenn ich mein Patrick-Cowley-Shirt trage, dann will ich es in ihrer Tradition tragen. Radikal inklusiv, mit einem positiven Vibe und einer ordentlichen Portion Groove in den Hüften.

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Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben? 

Am liebsten gar nicht. „Ain’t got no style, I’m strictly roots“. Aber im Ernst: meinen Stil würde ich als eher minimal bezeichnen. Casual Queer with tiny sprinkles. Netzstrümpfe trage ich mittlerweile auch nur noch bei Hochzeiten, Notarztterminen oder Blogfeatures, also eher nicht in meinem Alltag. Ich habe 3 graue Hosen, 10 schwarze Shirts, 4 schwarze Pullis, alle in identischer Größe & vom gleichen Hersteller. Ich neige dazu, mir länger Gedanken über ein bestimmtes Kleidungsstück zu machen. Habe ich dann mal die für mich ideale Passform & Silhouette gefunden, kaufe ich auch gerne mehrmals. Und damit das alles nicht zu sehr uniform wird, wird hier und da ein wenig editiert. In meinen Zwanzigern trug ich jahrelang nur weiße Unterhemden, auf die ich mit schwarzem Edding die Namen von Lieblingsbands und Sehnsuchtspolen gekritzelt habe: House Music. Sleater Kinney. Pet Shop Boys. Aus meinen schwarzen Pullis ist überall feinsäuberlich der Kragen rausgeschnitten. Dazu gibts dann ab und an ein Accessoire. Das Cowley-Shirt. Oder ein Shirt von Rudy Loewe. Oder Strumpfhosen. Je nachdem, was die Mission des Tages eben von einem verlangt, Bondgirlism oder Raubtierdressur. Ich bin da einigermaßen flexibel.

Was trägt das Kleidungsstück dazu bei, diesen Stil zu kreieren?

Es macht, was ich sehr gerne mag: Es verknüpft Themenfelder und macht Platz für ein Gespräch. So kam es ja zum Beispiel auch zu diesem Interview. Das Shirt erzählt jede Menge Geschichten, von Minderheiten & Verletzlichkeiten, aber unbedingt auch von Stolz und überbordender Lebensfreude. Und nicht zuletzt ist es auch einfach ein schönes Kleidungsstück, das sich gut anfühlt und das ich sehr gerne trage.

Torben aka Sergeant Pfeffer schreibt einen Blog Rezeption – dort geht es um „Wut und Mut und Schönheit. Um Meinungen, Tendenzen, Streiterei, Ober- und Unterflächlichkeiten.“  Im richtigen Leben macht er Marketing Kram für die Kantine Konstanz, ein Club, den ich dringend mal aufsuchen muss, denn dort wird wohl regelmäßig gepflegt durchgedreht.

Ich wollte Torben in der Serie haben, weil mir sein T-Shirt auf einer Party aufgefallen war und wir darüber ins Gespräch kamen. Als er mir die Fragen beantwortet hatte, war ich sehr  berührt, denn merkwürdigerweise -obwohl es um ihn ging- habe ich mich gesehen, verstanden und gehört gefühlt. Danke dafür.

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When and where did you buy your chosen piece of clothing?

I ordered this shirt last year in Dark Entries Records’ online shop, which is a californian record label. And a week after it arrived and I had totally fallen in love with the design, printing and fitting of the shirt, I ordered a second one.

Why did you choose it, what makes it so special to you?

To answer this question I need to explain a little more: Printed on the shirt you can see the portrait of Patrick Cowley, an american musician & producer, who is an icon to me and a leading figure in gay dance music. Together with Sylvester he produced HiNRG-Hits like „Do you wanna funk“ or „Menergy“ in the late 70ies and early 80ies. Some of you might know his 15-minute Donna Summer „I feel love“ remix. His music means a lot to me, despite – or maybe because of – its’ cheesieness and its’ overwhelming hedonism which contrasts sharply with the situation the gay community was in in the early 80ies. That was a pretty dark time. Social exclusion & stigmatization, violent attacks, first AIDS cases and all the anxieties and fear that comes with it. Cowley was one of the first public figures to die of AIDS, he passed away in 1982 already, aged only 31. I don’t even want to think about what he still could have achieved musically.

Is there a certain story connected with the shirt? Which one?

Besides everything I’ve already mentioned, I like the way this shirt came into my life. It caught my attention through a facebook post by Marea Stamper a.k.a. THE BLACK MADONNA, who I adore. The Black Madonna is a musician & producer from Chicago. Besides being a fan of her music and the creative and forceful way she handles the massive archive of american House Music, I especially love her style and her idea of social justice and community building. Marea vehemently opposes common look-ism & and a status quo which connects House Music with the ideal of the white, young & careless male. She has sort of a little manifesto on her Facebook page which gives you a glimpse into her idea of dance music:

„Dance music needs riot grrrls. Dance music needs Patti Smith. It needs DJ Sprinkles. Dance music needs some discomfort with its euphoria.Dance music needs salt in its wounds. Dance music needs women over the age of 40. Dance needs breastfeeding DJs trying to get their kids to sleep before they have to play. Dance needs cranky queers and teenagers who are really tired of this shit. Dance music needs writers and critics and academics and historians. Dance music needs poor people and people who don’t have the right shoes to get into the club. Dance music needs shirts without collars. Dance music needs people who struggled all week. Dance music needs people that had to come before midnight because they couldn’t afford full admission. Dance music does not need more of the status quo.“

This is something that really moves me because it is a very clear ‚no‘ to the usual lifestyle platitudes of the electronic jet set. Marea plays her music for a dance floor onto which she explicitly invites the misfits. In this context I see her choosing that T-shirt as a statement. Whenever I wear my Patrick Cowley shirt I wear it in her tradition: radical inclusivity, with a positive vibe and a big portion of groove in the hips.

How would you describe your own style?

I would prefer not to. „Ain’t got no style, I’m strictly roots“. But seriously: I would describe my style as minimalistic. Casual Queer with tiny sprinkles. Meanwhile I only wear fishnet stockings for weddings, appointments with solicitors or blog features – meaning not really in my daily life. I have 3 pairs of grey pants, 10 black shirts, 4 black jumpers, everything in the same size and from the same label. I tend to think longer about a certain piece of clothing. Once I found the right size & silhouette, I am likely to buy it several times. And to keep it from becoming a uniform, I edit it here and there. In my twenties I wore white vests for years onto which I had written the names of my favorite bands and desires in black marker: House Music, Sleater Kinney, Pet Shop Boys. I very precisely cut out the collars of all of my black jumpers. On top of that I combine it with an accessory once in a while. The Cowley-Shirt for example or Rudy Loewe shirt. Or fishnet stockings. It depends on the mission of the day: bond girlism or taming wild animals. I’m quite flexible when it comes to that.

In which way does the chosen piece of clothing help to create that style?

It does something I really like: it connects topics and makes room for a conversation. This is how this whole interview started. The shirt tells a lot of stories about minorities & vulnerabilies but also about pride and an exuberant joy of life. And last but not least it is simply a beautiful piece of clothing that feels good and that I enjoy wearing.

Torben aka Sergeant Pfeffer writes a blog called Rezeption – there he deals with „anger and courage and beauty“ and it is about „opinions, tendencies, argueing, superficialness and underficialness. In real life he does something with marketing for Kantine Konstanz, a club I desperately want to go to because I heard that one can go berserk in a very elegant manner there.

I wanted to have Torben in this series because I noticed his shirt at a party and we had a nice conversation about it. After he answered my interview questions via email, I was so very touched because – even though this interview is about him – it was me who felt seen, understood and heard. And I want to thank him for that.

Rückblick und Ausblick

Hier melde ich mich nun endlich wieder zurück mit einem neuen Post! Es ist zwar schon reichlich spät für einen Rückblick, aber besser spät, als nie…

2016 war auch für mich ein schwieriges Jahr und ich musste mir viel eingestehen und Konsequenzen ziehen. Die wichtigste und gleichzeitig bitterste Erkenntnis war wohl, dass es für mich nicht funktioniert aus meiner Leidenschaft ein Business machen zu wollen. Mir fehlt, glaube ich, einfach das Unternehmergen. Der Druck mit story of my shirt Geld verdienen zu müssen, hat wirklich jede Idee versiegen lassen. Noch nie war ich so gestresst und gelähmt,  die Existenzangst hat mich fast erdrückt. Seit ich das endlich eingesehen habe und – anstatt an mir herum zu optimieren – mir einen Job gesucht habe, der mir regelmäßig zumindest ein kleines Einkommen auf mein Konto spült, geht es mir besser. Über Weihnachten hatte ich dann Zeit mich wieder ein bisschen zu sortieren und mir einfach mal bewusst zu machen, was ich eigentlich will bzw. nicht will.

Was das jetzt beruflich für mich bedeutet, steht auf einem anderen Blatt, aber für story of my shirt heißt das: Hier werde ich in völlig planloser, nicht-marketing-tauglicher, aber immer zu 150% leidenschaftlicher Art und Weise Dinge zeigen, beschreiben und vorstellen, die ich gut finde. Leute, die mich begeistern. Kunst und Mode, die mich begeistert. Themen, die mich begeistern. Zwischendurch zeig ich auch mal, was ich selbst so fabriziere. Alles ohne Hintergedanken damit Geld verdienen zu müssen.

„Das Neue darf nicht bewusst im Rahmen einer Strategie geplant sein, die auf den Erfolg ausgerichtet ist.“  

(Zitat von Boris Groys aus Ingrid Loscheks Buch „Wann ist Mode“ )

Ingrid Loschek schreibt weiter, dass eine wesentliche Voraussetzung für kreatives Schaffen die Freiheit sei: Freiheit des Denkens, Fühlens und Machens.

Als ich das gelesen habe, war mir auf einmal vollkommen klar, was bisher mein Problem war und irgendwie ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Diese Freiheit möchte ich mir hier mit story of my shirt bewahren, denn ich will Neues entdecken und entwickeln, und mich dann nicht der Massenherstellung, dem Verkauf und dem Marketing widmen, sondern intuitiv das Thema wechseln.

Mit dieser neuen Klarheit, hatte ich auch das Bedürfnis den Look des Blogs zu verändern. Ich habe mich vom etwas blumigen Stil meines Blogs verabschiedet und habe alles etwas schlichter gestaltet. Ich hatte das Gefühl, dass das so jetzt viel besser zu mir passt und es mir mehr Raum gibt „story of my shirt“ zu interpretieren. Ich habe auch noch vor, den Blog strukturell umzugestalten, aber das muss jetzt erst einmal warten. Sonst bekomme ich einen Herzinfarkt, wenn ich mich mit soviel Technik auf einmal auseinandersetzen muss…

In den nächsten Tagen starte ich mit einer Porträt Reihe: Menschen zeigen ein Kleidungsstück aus ihrer Garderobe und erzählen ihre story dazu.  Back to the roots also! Ich freue mich sehr darauf!

Wenn ihr also auf all das Lust habt, bleibt mir gewogen, ich freu mich über jeden, der diese Zeilen liest.

 

Behind the scenes: Aufzeichnung der TV-Sendung Freizeit

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Bild: André Goerschel

Was war ich aufgeregt, als mich die Redakteurin vom Bayerischen Fernsehen angerufen hat und mich gefragt hat, ob ich Lust hätte bei der Sendung Freizeit mitzumachen! Die Sendung wird moderiert von dem unheimlich sympathischen Max Schmidt, dessen Aufgabe für die Sendung es ist, Dinge auszuprobieren.

Nach einer fast 4-wöchigen Vorbereitungsphase, in der wir überlegt haben und ausprobiert haben, wie wir am besten zeigen, was ich mache, bin ich also am 27.Oktober nach Ottensoos bei Nürnberg gefahren, um die Sendung aufzuzeichnen. In Ottensoos gibt es den Kulturbahnhof, ein altes Bahnhofsgebäude, das von Renate Kirchhof-Stahlmann und ihrem Mann in ein Kunstmuseum und Begegnungsstätte umgewandelt wurde. Sie widmen sich der Nachhaltigkeit auf verschiedene Weisen und bieten Raum für Bildung und Austausch.

Da habe ich mit meinem storyofmyshirt-Projekt natürlich gut dazu gepasst und so kam es, dass wir die Sendung in Nürnberg und nicht in meinem zu kleinen Atelier in München gedreht haben.

Die Damen vom Nähkreis „Nählust“, die sich ein Mal im Monat im Kulturbahnhof treffen, waren alle sehr herzlich und haben mich gleich in ihre Mitte aufgenommen. Jede hat ihr momentanes Nähprojekt mitgebracht, um weiter daran zu arbeiten. Viele upcyceln genauso wie ich, aber manchmal wird auch etwas Neues zugeschnitten. Die Schneidermeisterin Ulrike Gärtl (im Bild unten ganz hinten) hilft den Damen bei der Schnittkonstruktion oder kniffliger Verarbeitung. Hier ein paar Impressionen:

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Der Nähraum direkt neben den Gleisen

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Mir egal, ob da dein Mikro liegt, ich muss zuschneiden!

 

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Stolz wurden Nähprojekte vorgeführt

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Ein Matrosenkleidchen für die Enkelin aus einem Poloshirt

Herausgestochen ist natürlich die finnische Künstlerin Mirjami Ärmänen. Sie zeigt im Film ihre umgearbeitete Pelzweste. Was leider nicht gezeigt wurde, war, dass sie wirklich jeden Schritt einer Umarbeitung akribisch mit Vorher-Nachher Fotos dokumentiert hat. Sie zeigt den Werdegang ihrer Kleidungsstücke auf einer Karte mit Fotos, Zeichnungen und Beschreibungen. Die Pelzweste (im Bild unten ganz vorne) war ursprünglich ein Mantel, den sie insgesamt 4 Mal umgearbeitet hat.

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Umgearbeitete Kleidungsstücke von Mirjami Ärmänen

Mirjami erzählte: „Schon von meiner Geschichte her kann ich nichts wegwerfen. Ich komme aus Karelien und war als Kind selbst Flüchtling aus dem Winterkrieg zwischen Finnland und Rußland 1939. Diesen Wintermantel hat mir meine Großmutter geschenkt, als ich 16 Jahre alt war. Mein Schulweg war 3km lang und die finnischen Winter sind sehr kalt…“

Auf ihrer Homepage gibt sie Einblick in ihr künstlerisches Schaffen: www.mirjami-aermaenen-kunst.de

Gerne hätte ich mich mit allen unterhalten, aber leider war die Zeit knapp. Schließlich musste ja auch etwas gearbeitet werden!

Das Jackett, das Max und Sylvie Menning (die Redakteurin) im BR- Kostümfundus gefunden haben, war ein maßgeschneidertes Stück, vermutlich aus den 50er Jahren. Der Stoff war dicht gewebt und qualitativ sehr hochwertig. Die Verarbeitung stammte von einem klassischen Herrenmaßschneider – handgenähte Knopflöcher und pikierte Roßhaareinlage. Das Jackett war allerdings auch schon sehr ramponiert, das Futter war mehrmals geflickt und die Aussenseite des Oberstoffes war abgewetzt. Es kostete mich diesmal wirklich einiges an Überwindung, so ein schön verarbeitetes Teil zu zerschneiden, auch wenn es nicht mehr sehr ansehnlich aussah. Leider konnten wir nicht mehr nachvollziehen, in welchen TV-Produktionen oder Filmen die Jacke schon überall mitgespielt hat, denn sie war schon in der sogenannten „Lumpensammlung“ des Kostümfundus angelangt. Max hat gefrotzelt und jedes Mal, wenn ich zugeschnitten habe, meinte er „Denk dran, wer das alles schon getragen hat…Hitchcock…“.

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Original

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Details der Originaljacke

Nachdem wir also das Jackenfutter herausgetrennt hatten, ging es an den Zuschnitt. Max war sehr souverän im Umgang mit der Zuschneideschere, denn auch er hat Verbindungen zur Schneiderzunft. Hat doch seine Großmutter jahrelang als Schneiderin für eine Textilfirma gearbeitet und sie hat dem Max offensichtlich das ein oder andere gezeigt.

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Er kann das allein, da muss ich nix erklären!

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Das erste Teil ist zugeschnitten!

Die erste Naht haben wir dann noch gemeinsam vor der Kamera gemacht, aber die restliche Mütze habe ich dann wieder zuhause in meinem Atelier alleine fertiggestellt. Ich hatte beschlossen, die eigentlich linke Stoffseite nach aussen zu kehren, da diese unversehrt war und nach dem Bügeln fast wie neu aussah.

Der Zuschnitt des Mützenfutters aus dem Ärmelfutter der Jacke:

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Vielleicht hätte ich sogar noch eine zweite Mütze herausbekommen…

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Zum Schluss meines kleinen behind the scenes der Sendung möchte ich mich noch ganz herzlich bei Sylvie Menning (Drehbuch), die auf mich aufmerksam geworden ist, bedanken. Es hat großen Spaß gemacht mit ihr Ideen zu entwickeln. Ein Dankeschön geht auch an die supernette Crew, die die schönen Bilder eingefangen haben: André Goerschel (Regie), Brigitte Heming (Kamera), Heiko Hinrichs (Ton), Dave Powell (Assistenz) und natürlich ein extra dickes Dankeschön an Max Schmidt, der es mir sehr einfach gemacht hat mich wohlzufühlen und mit dem man einfach eine Gaudi haben kann!

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Und wer die Sendung nochmal anschauen möchte, HIER gehts zur Mediathek!

 

Stoffkunst -Kunst aus Stoff

Storytelling funktioniert nicht nur über eine/n Erzähler/in oder das gedruckte Wort, sondern auch über Bilder, Gegenstände oder Materialien. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich also mit Textilkunst und möchte heute Künstler vorstellen, die Stoff und Kleidung auf ganz besondere Art für ihre Kunst verwenden. Die Dekonstruktion der Materialien in ihrer ursprünglichen Form ist auch hier Teil der Arbeit, um dem Folgeprodukt eine Bedeutung zu geben bzw. eine zum Teil auch politische Verbindung zwischen Alt und Neu herzustellen.

Mister Finch

Angefangen hat es mit einer Sonntagsbeilage einer großen, irischen Tageszeitung, in der ein Künstler vorgestellt wurde, der aus alter Kleidung, Accessoires und Draht teilweise mannshohe Figuren näht und zusammenbaut. Mister Finch heißt er und ich habe mich schockverliebt in seine Hasen, Eulen, Füchse, Pilze, Motten und viele andere märchenhafte, seltsame Kreaturen.

Finch, der zurückgezogen in Leeds/ UK lebt und arbeitet, kreiert mit seinen Figuren eine eigene, magische Welt, die sich zusammensetzt aus vermenschlichten Tieren, inspiriert durch englische Folk Tales und einem Hauch von gothic Märchen. Er verwendet gebrauchten Stoff, Kleider, Vorhänge, alles was er finden kann, und bearbeitet ihn so, dass es aussieht als wären seine Figuren lebendig und kämen gerade von der Gartenarbeit oder aus dem Wald.

(Alle Fotos mit Erlaubnis von Mr.Finch. www.mister-finch.com)

“I love to recycle. When I was working in restaurants and I didn’t have much money for fabrics, I’d use anything I could find. Black umbrellas from the roadside were perfect for making ravens and the wire rods made very good legs.”  (Quelle: Artikel in der Yorkshire Post )

Jede Figur hat einen Namen und eine eigene Geschichte, die er auf seinen Social Media Kanälen erzählt. Inzwischen verkauft Finch, der seinen Vornamen geheim hält, auf Ausstellungen, aber auch seine internationalen Fans bekommen hin und wieder die Chance einige seiner Werke zu kaufen. Man muss allerdings auch etwas Kleingeld übrig haben, die Preise bewegen sich zwischen 300 und 3000 Pfund…

Im Moment präsentiert er seine neueste Kollektion auf Facebook und Instagram, die er für eine Shop Eröffnung der Marke Anthropology angefertigt hat. Hier ein paar meiner Lieblinge aus der fantastischen Welt des Mister Finch:

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Darrow – mending and darning of clothes, silhouette cutter

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Berry – excellent baker, darner, bedmaking and dusting

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Finium – collects moonbeams…he makes perfume…and he’s a very good dancer

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Trinket – mysterious mouse…time travel…wish granting…and card tricks

Noah Scalin

Auf diesen Künstler bin ich tatsächlich durch Prokrastination und Instagram Surfen gestossen. Aber was für eine Entdeckung, als ich mich näher mit ihm beschäftigt habe! Noah Scalin ist ein New Yorker Künstler, der sich in seinen Installationen und Pop-up Bildern mit der Vergänglichkeit unseres Lebens, der Natur, aber auch der Dinge, die wir täglich gebrauchen beschäftigt. Für einige seiner „anamorphic portrait installations“verwendet er neben CDs, Blumenblüten, Waschpulver und vielen anderen Gegenständen, auch gespendete Altkleider, die er so auf dem Boden arrangiert, das daraus ein Porträt entsteht. Man kann es natürlich nur erkennen, wenn man es von der richtigen Stelle aus betrachtet. Es lohnt sich einen Blick auf sein Instagram Profil zu werfen, dort postet er auch immer wieder kleine Filme seiner Installationen. Seine Porträts bilden oft Personen ab, die Großes unter schweren Bedingungen geleistet haben. Hier meine Lieblingsbeispiele:

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James Conway Farley, der erste berühmte afrikanisch-amerikanische Fotograf in Amerika Photo: Noah Scalin

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Maggie L. Walker – erfolgreiche Geschäftsfrau, die als erste Woman of Colour eine Bank geleitet hat.  Photo: Noah Scalin

Der verhüllte Reichstag

Diesen Blogpost darf ich natürlich nicht abschließen ohne Christo und Jeanne-Claude erwähnt zu haben. Ihre Verhüllungen, unter anderem des Reichstags in Berlin im Juni 1995, mit riesigen Mengen an Stoff sind wohl die gigantischsten Beispiele für Textilkunst. Die Wahl von Stoff als Grundlage ihrer Installation traf das Künstlerpaar bewusst. So ist Stoff traditionell ein wichtiger Bestandteil in der Kunst – Faltenwurf, Drapierungen und Gewebestrukturen werden in Gemälden, Fresken, Reliefs und Skulpturen oft bis ins Detail abgebildet. Dieser Tradition wollten sie bei der Wahl des Materials folgen. (Quelle: Wikipedia)

Zeitguised

Abschließen will ich mit dem Künstler- und Designerkollektiv aus Berlin. Zeitguised bieten Art Direktion für große Firmen wie z.B. Chanel, Hugo Boss etc. an und produzieren Videos und Installationen, für die sie unter anderem auch Textilien verwenden. Die Videos kreieren einen fließenden, minimalistischen Raum, in dem die Textilien durch Bewegung in immer neue Skulpturen verwandelt werden. Es sieht aus, als würden merkwürdige, superbewegliche Aliens einen grotesken Tanz aufführen.

„A synthetic ghost shifts simulated textiles from passive matter to live organisms. They behave like apparitions in an artificial choreography, with movements that are imaginary yet familiar. Like a constant metamorphosis, the same sequence gets transformed over and over again.“  (Quelle: Zeitguised on Vimeo)

Bitte HIER das Video anschauen! (Ich check es leider nicht das Video hier einzubetten…)

 

 

Über das Reparieren

Neulich habe ich eine Geschichte vorgelesen, die davon handelte, wie ein kleines Mädchen Schwierigkeiten hatte sich an die neue Patchwork-Familie zu gewöhnen, weil ihre Mutter wieder heiratete. Sie hasste das Wort Patchwork und ihre Oma schenkte ihr zur Hochzeit aber genau eine solche Decke. Das Schöne an der Geschichte ist, die Decke hat die Oma aus Textilien zusammen genäht, die einmal Menschen gehörten, die das Mädchen sehr liebt. Oder auch ein geliebtes Kleidungsstück, das ihr zu klein geworden ist, hat die Oma in den Quilt eingearbeitet. Sie zeigt ihr damit, dass es möglich ist, ganz verschiedene Fleckerl, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, zu einem Ganzen zusammenzufügen. Für das kleine Mädchen heißt das im übertragenen Sinn, dass sie sich an die neuen Familienmitglieder gewöhnen wird und mit ein bisschen Empathie und Liebe auch mit ihnen zu einer neuen Familie zusammenwachsen kann. Mir gefällt das Bild und es liesse sich auch im Großen gesamtgesellschaftlich anwenden. Oh well…

                                                                  „The act of sewing is a process of emotional repair.“                                                                                                                 Louise Bourgeois

Es soll also um das Reparieren gehen, hier bei mir. Kleidung zu reparieren ist in etwa so alt wie das Herstellen von Kleidung selbst. Erst in jüngster Zeit wurde es zurück gedrängt von fast fashion, die statt dem Reparieren den Neukauf an erster Stelle sieht. Die Reparatur von Kleidung ist jedoch etwas, das immer auch auf kunstvolle Weise geschieht, setzt es doch eine gewisse Kenntnis des Materials, aber auch des Trägers voraus.

Sashiko

Ich habe zwei spannende Reparaturthemen herausgesucht und will Euch als erstes von Sashiko erzählen, eine alte, japanische Form des Stickens bzw des Quiltens. Ende des 19.Jahrhunderts war Sashiko eine Methode, um robuste Kleidung für Fischer, Bauern und Feuerwehrmänner herzustellen. Es wurden Stoffstücke aus Hanffaser mit speziellen Stichen zusammengenäht, um dem neuen Kleidungsstück Stabilität und dem Träger Schutz vor Kälte oder Hitze zu geben. Es wurden aus alten, kaputten Kleidungsstücken die guten Stücke herausgeschnitten und mit der Sticktechnik zu einem neuen Stück zusammengesetzt. Das Wort Sashiko bedeutet übersetzt „kleine Stiche“.

Die kunstvoll, gestickten Muster dienten auch als Talismane und sollten den Träger vor Bösem oder Gefährlichem schützen. Es wurden kleine Muster in der hinteren Nackenlage, des Saums oder in den Ärmeln des Kimonos oder der Jacke eingestickt, die böse Geister davon abhalten sollten, durch die Kleidung an den Körper zu gelangen.

Inzwischen wird die Sticktechnik eher zu dekorativen Zwecken genutzt und es gibt wirklich tolle Muster, die mich durch ihre minimalistische Schönheit immer wieder faszinieren. Es gibt aber z.B. den Trend zerrissene Jeans mit der klassischen Sashiko-Technik zu flicken, der letztendlich wieder zum Ursprung der Technik zurückkehrt.

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Beliebte Sashiko Muster (Quelle: about.com)

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Jeans mit der Sashiko Technik geflickt (Quelle: diy-d1.blogspot.de)

Hier geht es zu Bildmaterial, die meine obige Beschreibung von Sashiko noch weiter veranschaulichen soll: ein paar schöne, historische Kimonos gibt es im Katalog des Victoria and Albert Museums, Mihu Takeuchi eine amerikanisch-japanische Sashiko-Lehrerin gibt eine lesenswerte und sehr gut bebilderte Einführung zu Sashiko und auf good old Instagram gibt es unter dem Hashtag sashiko eine überwältigende und sehr kreative Menge an Posts zum Thema. (Achtung Prokrastiniergefahr!)  Einen tollen Blogbeitrag zum Thema Sashiko hat Jessica Marquez für designsponge.com geschrieben. Dort zeigt sie die Technik, um Jeans dekorativ zu reparieren. Sehr lesenwert!

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Dass aus alten, zerrissenen Kleidungsstücken neue hergestellt werden, war insbesondere zu Kriegszeiten oder in der Nachkriegszeit eine essentielle Technik, die die meisten anwandten. Während des 2.Weltkriegs gab es in England sogar eine Kampagne des British Ministry of Information, in der dafür geworben wurde aus alten Materialien und gebrauchter Kleidung neue herzustellen bzw. zerrissene Kleidung zu reparieren. Die kleine Broschüre hieß „Make, Do and Mend“ und enthielt unzählige Tipps zur Instandhaltung von Kleidung.

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Tipps um Löcher zu Flicken

 Es wurden sogar Nylonstrümpfe geflickt! Als ich Julia interviewt habe und sie mir von ihrer tollen Oma Therese und ihren Anfängen als Ladenbesitzerin erzählt hat, kam dieses Thema auch auf. Oma Therese begann nämlich in der Nachkriegszeit mit einem Strumpfreparaturservice, den sie über die Jahre in eine gut geführte Boutique für Qualitätskleidung entwickelte. Zum Interview mit Julia geht es hier.

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Cover der Broschüre und Tipps für Wollkleidung – aufribbeln, neu stricken oder filzen!

Durch die jahrelange Rationalisierung von Material blieb den Menschen keine andere Möglichkeit, als durch Wiederverwendung an neue oder modernere Kleidung zu kommen. Und das Gefühl neue Kleidung haben zu wollen, ist meiner Meinung nach nichts schlimmes, im Gegenteil es ist etwas zutiefst menschliches. Es drückt unter anderem auch aus, dass man sich als Person verändert hat und man das nach aussen tragen möchte. Kleidung als Identitätsausdruck.

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Für mich persönlich hat das Reparieren etwas Tröstliches und Beruhigendes. Es ist immer verbunden mit einem guten Ausgang, denn das reparierte Teil ist wieder gebrauchsfähig. Es gibt mir das Gefühl etwas Beständiges für mich persönlich zu schaffen, indem man altes Material wiederverwertet. Trotzdem ist es möglich durch eine Neugestaltung dem Bedürfnis nach etwas Neuem nachzukommen.

Wenn ihr auch so ein Teil zuhause habt, das ihr eigentlich nicht wegwerfen wollt, aber schon lange nicht mehr tragt, meldet Euch bei mir. Ich helfe gerne – let’s make do and mend!

 

 

 

 

 

 

 

 

Jürgen – eine Begegnung

Ich habe Jürgen kennengelernt, ohne dass es einen Zusammenhang mit Kleidung gab. Das kam erst später und brachte mich dann endgültig dazu, ihn zu interviewen, in seine Welt einzutauchen und zu lernen. Jürgen tauchte immer wieder einfach in unserem Atelier auf und half mir bei Schreinerarbeiten oder er wollte einfach nur ratschen und einen Tee trinken. Eines Tages kam ich ins Atelier und vor der Tür lag eine große Tasche mit hochwertigster Herrenkleidung – Eine wasserdichte Outdoor Jacke, Hemden und Hosen – mit herzlichen Grüßen von ihm, er möchte mich und meine Idee gerne unterstützen. Welch schöne Geste, ich habe mich sehr gefreut und habe sofort angefangen seine Sachen zu verwerten. Hier sind einige Fotos, die aus seinem Hemd und seiner Jacke entstanden sind.

Nun hatte ich also endlich die Gelegenheit Jürgen zu befragen. Trifft man ihn zum ersten Mal, wird man fast umgehauen von seiner Präsenz und seinen entlarvenden Fragen. Er ist der Typ Mensch, dem man sofort vertraut und der einem das Gefühl gibt, mit ihm zusammen kann man alle seine Probleme lösen. Man möchte ihm gleich seine gesamte Lebensgeschichte erzählen. Woher kommt das? Vielleicht, weil man Jürgen, der 1964 in München geboren wurde und in Sendling aufgewachsen ist, anmerkt, dass er selbst schon einiges erlebt hat, aber für sich einen guten Weg gefunden hat.

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Photo © Jürgen Mattik

Seine Eltern trennten sich, als er 2 Jahre alt war und sein Vater hat den Kontakt zu ihm abgebrochen. Jürgen entwickelte eine rebellische Natur, was er heute nur als Vorteil sieht. Er kann verquer denken, sagt er und ungewöhnliche Lösungen für Probleme finden. Seine Jugend in den 80er Jahren war wild, Drogen spielten eine Rolle. Er hing in den legendären Münchner Clubs ab, im „Round up“, im „Tanzlokal Größenwahn“ in der Klenzestraße oder im „Why not“ in einem Hinterhof in der Briennerstraße.

Mit 22 Jahren machte er dann eine Umschulung zum Schreiner und war als Geselle auf der Walz. Unterwegs hat er Lehmbau gelernt und nach einem halben Jahr blieb er in Andernach hängen: „Hab eine Lady kennengelernt und zack bumm bin ich bei ihr geblieben.“
Als ich nach weiteren wichtigen Stationen in seinem Leben frage, windet er sich, denn so einfach will er es sich nicht machen. Alles was er erlebt habe, habe ihn zu dem gemacht, der er jetzt ist, da will er Erlebnisse nicht nach Wichtigkeit bewerten. „Ich musste mir nie Gedanken machen, ich bin immer von einem zum nächsten gekommen ohne Plan, wenn ich mir Gedanken gemacht habe, hat das meistens nicht funktioniert.“ Ein haptischer Mensch sei er, der nicht viel davon hält, sich zu sehr auf die Kopfarbeit zu konzentrieren.
Seine Tochter kam in sein Leben, als er 36 war. Er hat ein enges Verhältnis zu ihr, auch wenn sie nicht bei ihm aufwächst. Jürgen war 4 Jahre Mit-Gesellschafter im Ruffini, dem im Kollektiv geleiteten Café in Neuhausen. Rückblickend auf all die Jahre sagt er: „Ich habe viel Härte im Leben erfahren, das wurde aber immer wieder durch Glück kompensiert.“
Er hat 12 Jahre TaekwonDo praktiziert und trägt den 2. Dan. Ein Kreuzbandriß, den er sich beim Fußballspielen zugezogen hat, beendete seine aktive Zeit. Über das TaekwonDo lernte er, sich selbst zu lesen. Gefühlszustände drückten sich in der Technik aus und der Weg zur Zen Meditation war gelegt.
Und dann erzählt Jürgen, in einem Nebensatz und nach fast einer halben Stunde Gespräch, etwas, das bei mir Zack Bumm macht: Jürgen meditiert nicht nur so ein bisschen, sondern ist ordinierter Zen Mönch. Er praktiziert Soto Zen und sein Meister ist Philippe Coupey, der wiederum Schüler von Meister Taisen Deshimaru ist. (www.zen-road.org) Am 17.08.2007 hat er seine Ordination erhalten und betont, dass es sich dabei nicht um einen Rang handelt. Vielmehr ist es ein Offiziell Machen vom Ego Weg zurück zu treten. Zen ist, so erklärt Jürgen, sich selbst zu beobachten und mit sich vertraut zu werden. Die Gedanken dürfen kommen und man lässt sie aber wieder ziehen, man konzentriert sich auf den Körper und findet so ins Hier und Jetzt zurück. Zen ist nackt und ohne Chichi. Zen ist Präsenz, was Jürgen durch und durch ausstrahlt. Zen lehrt Intuition und das Zurückkommen zur eigenen mitfühlenden Natur. In hasserfüllten Zeiten wie diesen, sauge ich förmlich jedes Wort dieses Mannes auf, denn sie sind so wohltuend und friedlich und hoffnungsvoll. Dann unterbricht er das Interview, um etwas zu holen, das er mir zeigen möchte. Er holt das Kesa, eine Art textiler Umhang der von Zen Mönchen und Nonnen während der Meditation oder einer Zeremonie getragen wird.

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Es ist ein sehr persönliches Kleidungsstück, da es mit einem Spruch und den Daten seiner Ordination bedruckt ist. Es ist so persönlich, dass ich das wunderschöne schwarzweiße Tusche – Bild und die Schriftzeichen nicht fotografieren darf. Er übersetzt aber die Schriftzeichen für mich: Begierde und Illusion wird zu Weisheit. Die Mönche und Nonnen tragen es auch nie nach aussen hin sichtbar, sondern das Bedruckte weist immer zum Körper hin. Eine Nonne, die zusammen mit ihm ordiniert wurde, hat es für ihn von Hand genäht. Zusammengefaltet steckt das Kesa in einer Origami Tasche und ich bekomme ein klein wenig Gänsehaut, da ich aus Jürgens Hemden viel Origami Schmuck hergestellt habe, ohne vorher davon zu wissen. Wer mehr über das Kesa, dessen Bedeutung und vor allem über das Kesa Nähen erfahren will, kann hier ein interessantes Interview mit einer Zen-Nonne lesen.
Doch was arbeitet Jürgen eigentlich? Nach einer schweren Verletzung an seiner rechten Hand, musste er erstmal 2 Jahre Pause machen. Sein Zen-Weg hat ihn auch zur Strukturellen Integration nach Dr. Ida Rolf gebracht. Diese Heilarbeit am Körper, die Haltungsverbesserung, Atembefreiung und Bewegungsverfeinerung zum Ziel hat, möchte er gerne zu seiner zukünftigen Arbeit machen. Alles ist noch im Aufbau, sobald seine Homepage fertig ist, verlinke ich natürlich. Wer mehr darüber wissen möchte, liest am besten hier weiter.
Ich könnte Jürgen noch stundenlang zuhören und ihm Fragen stellen, doch ich zwinge mich zu meinem Thema zurückzukehren und frage ihn, was das für Kleidung war, die er mir gespendet hat. Er hat klar Schiff gemacht in seinem Kleiderschrank und Ungetragenes aussortiert. Aber eine Kleiderspende bei der klassischen Altkleider Sammlung kam für ihn nicht in Frage, weil er die Textilindustrie in Afrika nicht mit zerstören will. Meine Idee findet er großartig und mutig und deshalb will er mich unterstützen. Selten habe ich ein Kompliment lieber entgegen genommen. „Es gibt keine Handlung, die nicht politisch ist.“ Noch ein letztes Zack Bumm, bevor er sich wieder an die Arbeit macht.

Wer Jürgen persönlich kennenlernen und mit ihm meditieren möchte, der ist herzlich eingeladen bei seiner Meditations-Gruppe mitzumachen. Die Gruppe trifft sich jeden Dienstag um 20.00 Uhr in der Hans-Fischer-Str. 13, München-Westend im Bewohnertreff. Bei Interesse bittet Jürgen um kurze telefonische Voranmeldung unter 0179-59 087 59.