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Ist denn schon Sommer?

Als ich neulich auf meinem Streifzug an einer Reinigung vorbeikam, fiel mir ein eigentlich unscheinbarer Kleiderständer auf. Daran hingen einige Kleidungsstücke, die „billig zu verkaufen“ waren. Da konnte ich natürlich nicht anders und musste ein bisschen stöbern…

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Zwischen sechs Stuhlhussen, einem Anzug, einem sehr schlabberigen Moschino T-shirt habe ich mein nächstes Projekt gefunden. Ein weiß-blau gestreiftes Carhartt Hemd aus sehr hochwertigem Köper, der sich wunderbar weich anfühlt. Ich wollte unbedingt etwas daraus machen!

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Zufällig war auch die Senior-Geschäftsführerin Frau Baier da, die ich gleich ein bisschen interviewt habe: reinigung2

Was sind das für Leute, die ihre Sachen hier nicht abholen, können sie sich sich an die Kunden erinnern?

Das weiß ich nicht, die meisten vergessen die Sachen einfach, manche ziehen weg, manchmal ist auch jemand verstorben.

Sind da auch manchmal ungewöhnlichere Sachen dabei?

Naja zum Beispiel diese Stuhlhussen. Die habe ich schon seit 3 Jahren. Ich habe gedacht, die verkaufe ich schnell und bekomme noch einigermaßen was dafür, aber wenn sie jetzt nicht bald weggehen, gebe ich sie in die Altkleidersammlung.

Das heißt, sie schmeißen Sachen dann auch weg?

Ja muss ich ja, ich habe ja gar nicht soviel Stauraum. Wir sammeln hier Sachen von insgesamt 10 Filialen, was glauben Sie was da zusammen kommt! Und wenn die Sachen 1 Jahr alt sind, dann hau ich sie raus. Aber manchmal, wenn Kunden draussen den Kleiderständer sehen, fragen sie nach, ob ich vielleicht noch etwas habe von ihnen. Dann gehen wir gemeinsam in den Keller und suchen.

Sie führen also das Nummernsystem im Keller fort?

Ja sicher, ich ordne das auch nach Datum, also jetzt werden Sachen von März 2014 verkauft.

Was verkauft sich denn gut?

Das kommt auf den Stadtteil drauf an. In Schwabing suchen sich die Leute erst die Markensachen heraus.So ein ein altes Hugo Boss Hemd, das teilweise schon kaputt ist, das verkaufe ich trotzdem noch für mindestens 10 Euro, manchmal handeln sie noch auf 8 runter.  Aber in Moosach zum Beispiel schaut kein Mensch auf Marken, da sind die froh, wenn sie etwas Schönes, Gereinigtes zum Waschpreis bekommen. Die letzten Restsachen gebe ich dann auch mal für 2 Euro her und manchmal schenk ich auch was her, wenn jemand gar kein Geld hat.

Den eigentlichen Besitzer des Carhartt Hemdes herauszufinden, war leider unmöglich. Ich stelle mir aber einen Mann vor, der vielleicht mal Skater oder Snowboarder war. Jetzt Mitte 30 hat er einen festen Job, vielleicht bei einer Werbeagentur, in dem er auch Kunden betreuen muss. Um seinem alten Ich nicht völlig untreu zu werden, kauft er immer noch Kleidung seiner alten Skater-Marke, aber eben nicht mehr die Schlabberpullis und Baggypants, sondern Hemden. Er muss ordentlich aussehen, das Hemd darf nicht nach Joints und Schweiß riechen, also gibt er es in die Reinigung. Er hat riesige Sehnsucht nach der Freiheit und dem ungebundenen Leben von früher. Er vergisst das Hemd abzuholen, bevor er seinen Job hinschmeißt und doch Senior-Profi-Skater wird.

Ich habe das Hemd zerlegt und….

carhartthemd2zusammen mit dem restlichen Innenfutter von Reinhards Jacke ein Sommerkleid daraus gemacht.

Voilà mes amis, jetzt fehlt nur noch die französische Riviera dazu…!

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Interview mit Reinhard

Ausgemacht war, dass ich ein halbes Stündchen vorbei komme und wir kurz über die Hosen reden. Geblieben bin ich dann fast den ganzen Nachmittag und Reinhard hat mir seine riesige Bibliothek gezeigt, hat mich wertvolle Künstlerbücher anschauen lassen und mir viel erzählt. Er hat mich in eine ganz eigene Welt entführt und wir haben tatsächlich Gemeinsamkeiten in unseren beiden „Interessensgebieten“ gefunden.DSC01633

Hier ist also ein Auszug aus dem sehr langen Gespräch mit Reinhard Grüner, 64 Jahre, Besitzer der weltgrößten Sammlung an Künstlerbüchern, darunter Andy Warhol, Robert Mapplethorpe und Roy Lichtenstein. Hauptberuflich ist er Lehrer für Geschichte und Englisch, sowie stellvertretender Schulleiter.

Wie sind sie dazu gekommen diese Kunstbücher zu sammeln? Ist das beruflich oder einfach ein Hobby?

Überhaupt nicht, ich habe 1975/76 in England studiert und war Stipendiat des Deutschen akademischen Austauschdienstes und da sind wir an einem Tag mit einem Freund an die Ostküste gefahren und da gab es so einen kleinen Laden in Whitstaple hieß der Ort, und da hab ich ein kleines Buch gefunden „An dissertation upon roast pig“ also „Abhandlung über das Grillen von Schweinefleisch“. Das war auf wunderbares Papier gedruckt, mit Holzschnitten, Fadenheftung und 30er Auflage glaub ich, und das hat mich so fasziniert, dass ich angefangen habe zu sammeln. Und dann ist es halt immer umfangreicher geworden, dann hab ich erst mal ziemlich willkürlich gesammelt, also alles was mich interessiert hat. Dann ging es weiter mit der Wendezeit, also mit politischen Untergrundpublikationen der zuendegehenden DDR und dann kam kurz danach eben Perestroika und Glasnost. Ich habe durch Zufall einen Russen kennengelernt, einen Galeristen und Kurator, über den habe ich dann jahrelang Bücher bekommen und dann habe ich ein Buch gemacht mit einem russischen Künstler und seitdem bin ich da ziemlich in der Szene drin. Und jetzt sammele ich halt sehr spezielle und bestimmte Dinge.

Sie sagten vorhin, dass Sie Anfragen für Ausstellungen bekommen. Von welcher Seite kommen die, eher aus der Literaturwissenschaft, der Historiker oder der Kunstwissenschaft?

Ganz unterschiedlich. Die Schwierigkeit bei diesen Künstlerbüchern ist ja eigentlich, dass keiner richtig zuständig ist. Also die Kunstwissenschaften tun sich schwer damit, weil es Bücher sind, die mit Texten zu tun haben und die Literaturwissenschaftler haben Probleme, weil eben Bilder mit dabei sind. Und deswegen ist es genau so eine Schnittstelle zwischen den beiden, es gibt meines Wissens nur ganz wenige Wissenschaftler, die sich damit auskennen. Also ich kenne eine Dame, die im Norden oben sitzt, die hat eben Germanistik studiert plus Kunst plus Design, die kann damit umgehen, aber die meisten steigen da irgendwie aus, selbst Fachleute wissen teilweise nicht, was Künstlerbücher sind.

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Da haben wir viel gemeinsam, denn ich interessiere mich auch für so einen Zwischenbereich von Design, also Kleidung und den Geschichten dahinter, also Literatur, wenn sie so wollen.

Ja das finde ich ja ganz spannend, dass Sie das sagen, denn mit den Büchern ist es das Gleiche. Das heißt, wenn man jetzt eine Ausstellung macht und da nur ein Buch in die Vitrine legen würde und man nur ein paar kleine Angaben, also welcher Autor, welcher Künstler, welche Bilder, machen würde, ist das endlos langweilig. Und ich hab inzwischen gelernt, dass es sinnvoll ist die Geschichte der Bücher zu erzählen. Das ist teilweise traumhaft, mit jedem Buch hängen Geschichten zusammen. Das sind dann meine Geschichten, wie ich ein Buch bekommen habe, weil ich z.B. einen Künstler angesprochen habe. Wir haben uns kennengelernt und irgendwann fängt der an Künstlerbücher zu machen, also das ist eine Geschichte. Oder die Bücher selbst erzählen die Geschichte, wenn ein Mensch auf dem Sterbebett liegt und sein letztes Buch macht. Die letzten Kataloge, die ich gemacht habe sind alles Kataloge mit Geschichten, das macht es so spannend. Die sind genauso vielfältig, wie das Leben selbst.

Aber zurück zu den Hosen. Warum haben Sie die Hosen eigentlich aussortiert?

Also das ist ein bisschen eine intime Geschichte… Ich bin also kein Freund von Markenklamotten, um nicht zu sagen ich bin ein Feind von Markenklamotten. Ich rümpfe schon immer die Nase, wenn ich Leute seh, die mit diesen bekannten Marken rumlatschen. Ich sag zu meinen Schülern auch immer… wie war das? Lakotz anstatt Lacoste! Also das stört mich wahnsinnig. Ich trage meine Kleider ziemlich lange, also das waren gute Hosen, die ich immer in der Arbeit getragen habe. Aber irgendwann waren sie ziemlich schäbig und dann hingen sie im Schrank. Und dann habe ich mal Zeit gehabt und habe Hosen aussortiert und da habe ich zu meiner Frau gesagt: „Du, die schmeiß ich jetzt alle weg!“ und sie hat gesagt: „Nein, die legen wir vorne vor das Vorderhaus!“ Da hätten wir beinahe einen kleinen Konflikt bekommen, weil ich gesagt habe: „Was soll das, hier im reichen Schwabing, so abgeschabte Hosen vors Haus zu legen? Das ist doch absoluter Blödsinn!“

Und dann hat sie, weil sie natürlich ihren Kopf behalten hat, die Hosen rausgelegt und am nächsten Tag waren 2 von den 3 Hosen weg. Die andere habe ich dann weggeschmissen. Ich habe mir noch gedacht, das ist aber schon komisch, wer die wohl mitgenommen hat? Und ein paar Tage später hing dieser Zettel da und das fand ich dann irgendwie so wahnsinnig schräg und gut. Vor allem auch der Gedanke, dass man Dingen ein zweites Leben gibt. Das ist ja bei uns auch so, wir können also kaum was wegwerfen, ich hab sehr viel Bücher, also alte Bücher, die eigentlich niemanden mehr interessieren. Wir sind laufend auf Flohmärkten und deswegen finde ich das ganz toll, wenn jemand diese alten Sachen nimmt und aus denen was Neues macht, was dann auch noch ziemlich gut aussieht!

Danke!

Ich hatte natürlich so eine bestimmte Vorstellung, ich dachte also die macht irgendwie so Patchwork-Sachen und zerlegt das in kleine Fleckchen und macht dann Patchwork daraus, so was hätte ich mir jetzt vorgestellt. Ich hätte nie daran gedacht, dass das jetzt die Hosen sind, weil das so edel aussieht.

Danke, das ist genau die Idee dahinter, dass man eben die Geschichte weiterschreibt und eben auch der Nachhaltigkeitsgedanke, den Sie ja auch ganz gut finden.

Absolut, das heißt die Hose hatte auch schon ziemlich viele Jahre auf dem Buckel und die sahen auch immer ziemlich gut aus in der Arbeit. Ich bin aber auch nicht jemand, der jedes Jahr die neuesten Designstücke haben muss, das ist mir absolut egal. Ich will sauber angezogen sein, ich geh mit Jacket und Krawatte in die Arbeit, aber es müssen keine Markenklamotten sein.

Wo haben Sie die Hosen gekauft?

Gute Frage, ich gehe eigentlich meistens zum Konen.

Nach welchen Kriterien kaufen Sie ihre Kleidung ein?

Mein erstes Kriterium ist immer, dass ich keine Markenkleidung kaufe, deshalb gehe ich immer zu dieser Konen-Eigenproduktion hin und da kauf ich dann ein. Das sind schöne Sachen, also die geben wohl selbst Sachen in Auftrag und das ist ein bißchen günstiger, als diese asiatischen Markenklamotten.

Auf was achten Sie vom Stil her? Haben Sie eine bestimmte Vorstellung, wie sie aussehen wollen?

Das ist eigentlich ganz spontan. Also wenn ich in die Arbeit gehe, irgendwas seriöses. Ich bin Lehrer und stellvertretender Schulleiter und das müssen einfach Sachen sein, die zusammen passen. Ein schönes Jacket, eine schöne Hose und eine Krawatte dazu und das wars eigentlich. Also nichts Auffallendes.

Sie wollen also durch ihre Kleidung Seriösität ausstrahlen und Autorität wahrscheinlich auch, oder? Und da fühlen Sie sich am sichersten, wenn Sie ein Jacket und eine Anzugshose anhaben?

Ja schon, also ich würde auch ohne Anzugshose Autoriät ausstrahlen, aber es stimmt natürlich schon, dass man eine bestimmte Rolle spielt und die wird durch die Kleidung noch zementiert. Aber bei mir eben, im Gegensatz zu anderen Kollegen nicht durch den letzten modischen Schick. Das ist mir ziemlich egal. Es gibt so Leute, die geben sogar noch Nachhilfestunden, damit sie sich die teuersten Kleider kaufen können, das ist für mich uninteressant. Ich mags lieber, wenn dann was flippig aussieht oder selber gemacht. Wobei, bei ihrer Jacke hätte ich nie gedacht, dass die selbstgemacht ist.

Woher kommt ihre Abneigung gegen Marken?

Ich mag keine Diktate von oben, also jemand der mir sagt, du musst das und das kaufen, damit du in einer bestimmten Gruppe drin bist. Und ich will mich einfach nicht darüber definieren, dass ich zum Beispiel Hugo Boss trage. Aber für viele Leute ist das sehr wichtig, die haben so wenig Persönlichkeit, dass sie so Markensachen tragen müssen, um eine zu bekommen. Das ist bei mir aber ganz weit weg, ich definiere mich durch andere Sachen. Ich bin bei Leuten, die mich nicht kennen, ziemlich unscheinbar, glaube ich, und erst durch die Gespräche entsteht dann etwas. So das Pompöse und Edle ist nicht so meins. Da gibt es in den 5-Höfen so einen japanischen Laden Muji, da ist nirgendwo ein Label dran und trotzdem weiß jeder, dass das von Muji ist. Sehr reduziert alles und sowas mag ich dann schon. Ich würde auch mehr Geld ausgeben für Kleidung, die nicht von großen Marken hergestellt wird. Ich habe einfach keine Lust auf dieses Marken- und Modediktat.

Also Understatement ist Ihnen sehr wichtig und Sie wollen mit Ihrer Kleidung keine Aussage nach außen machen?

Ganz genau.

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Wer bis hierher gelesen hat und sich für die nächste Ausstellung von Künstlerbüchern aus Reinhards Sammlung interessiert, der kann sie sich im Kulturformum im Sudetendeutschen Haus Alfred-Kubin-Galerie ab dem 15.04. bis 29.05. unter dem Titel „Erinnerungen – Memories – Vzpomínky“  ansehen.  Mehr Info hier: http://www.buchkunst.info

Und hier noch ein paar Fotos der Jacke:

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Reinhardjacke#5              Reinhardjacke#4Reinhardjacke#6

Women in Clothes oder so kann ich nicht rausgehen

Kennt ihr diese Tage, an denen man anziehen kann, was man will, man denkt immer, dass man seltsam aussieht. Oder unmodisch, langweilig, altbacken… Obwohl man dieses schicke neue Teil anhat. Plötzlich kann man es nicht mehr kombinieren mit anderen Sachen aus der Garderobe, geschweige denn selbstbewusst darin auftreten. Wenn ich dann auf die Straße gehe und alle diese gutaussehenden, trendy und modebewussten Damen sehe, fühle ich mich noch doofer. Ich werde dann richtig eifersüchtig auf diese Frauen und frage mich, warum ich es nicht hinbekomme so lässig und unaufgeregt schick auszusehen. Letztendlich lande ich dann wieder in meiner „Uniform“. Kleidungsstücke, in denen ich mich sicher, aber auch unsichtbar fühle. Das sind Jeans, T-Shirt, schwarze Jacke und schwarze Schuhe. Damit kann man nichts falsch machen und sich wunderbar dahinter verstecken.

An solchen Tagen lese ich unheimlich gerne in diesem Buch: „Women in Clothes“  (Sheila Heti, Heidi Julavits, Leanne Shapton & 639 others). Es ist eine Sammlung von Anekdoten, Essays, Fotos und Interviews von Frauen über ihre Beziehung zu Kleidung, Stil, Make-up, Haare und Selbstwahrnehmung. Darunter sind bekanntere Frauen wie zum Beispiel Miranda July oder Zosia Mamet aus der Serie Girls, aber eben auch ganz normale Frauen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen. Wie schön ist es, von Frauen zu lesen, die ähnliche spleens und Unsicherheiten bezüglich ihrer Kleidung und ihres Stils haben und offen, und vor allem lustig, davon erzählen. Das Buch steckt voller kleiner Geschichten und ist wie eine Schatztruhe, die es zu entdecken gilt. Zum Beispiel gibt es ein Kapitel in dem Frauen ihre Hände kopiert haben und die Geschichten ihrer Ringe erzählen. Oder immer auch ein sensibler Punkt: Brüste. Herrlich, wie unverkrampft die Damen davon und ihren BHs erzählen! Ein anderes Lieblingskapitel ist die Bilderserie mit Zosia Mamet, die die Model-Posen von Magazincovern nachstellt, ohne die imposante Mode zu tragen, sondern nur in Leggings und Top. Sehr entlarvend und komisch!

Nachdem ich mich ein bißchen durch das Buch geblättert habe und hier eine kleine Anekdote und dort ein Interview gelesen habe, geht es mir gleich schon wieder besser. Ich erinnere mich daran, warum die schwarze und schon etwas heruntergekommene Jacke Teil meiner Uniform ist: Ich habe sie für mein Outfit zu meiner standesamtlichen Hochzeit gekauft. Sie passte perfekt zu meinem Kleid, denn im Oktober 2011 war es trotz Sonne schon recht kühl. Ich fühlte mich superschick, sah genauso aus, wie ich aussehen wollte und genoss diesen Tag in vollen Zügen! Jedes Mal, wenn ich sie anziehe, scheint sie mich mit diesem Gefühl meines Hochzeittages wieder anzustecken. Und plötzlich fühle ich mich auch in meiner „Uniform“ schick und gar nicht mehr unsichtbar…DSC01632

Jacke wie Hose

Ich gehe viel spazieren in letzter Zeit und während dieser Spaziergänge durch das Viertel entdecke ich immer wieder Dinge, die mir vorher nie aufgefallen waren. Zum Beispiel, dass Menschen wahnsinnig gerne Sachen in den Hauseingang stellen, um sie Passanten zu schenken. Einfach so. Da gibt es Bücher und CDs im Angebot. Geschirr und alte Platten. Und eben auch Kleidung. DSC01274 Warum machen die das? Besonders Kleidung vor die Tür zu legen lässt mich schmunzeln. Soll man die Sachen dann dort auch anprobieren? Warum bringen sie die alten Kleider nicht zum Altkleidercontainer? Oder vielleicht wollen sie die Sachen gar nicht hergeben und holen sie nach einer Nacht draussen auf der Straße wieder zu sich in die warme Wohnung? Fragen über Fragen. Insbesondere jetzt wo ich zwei Hosen geschenkt bekommen habe. Schöne Wollhosen in gutem Zustand, eine kariert und eine dunkelblau. Sie sind nur ein bisschen aufgeraut vom Fahrrad fahren und die Säume hingen herunter. Ich habe sie bei mir aufgenommen und erstmal gewaschen. Und angestarrt. Ich habe die beiden fast 4 Tage angestarrt, um in ihnen zu sehen, was sie mal werden wollen….

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Mein innerer Sherlock war aktiviert und ich musste unbedingt herausfinden, wem diese Hosen gehört haben. Das Haus, vor dem ich sie gefunden habe, ist ziemlich groß mit vielen Parteien. Die Option davor herumzulungern und die Menschen, die herauskommen einfach anzusprechen, schied also aus. Zu langwierig. Telefonbuch – too old fashioned. Ich entschied mich deshalb dafür:

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Ich gebe zu, Sherlock hat bessere Skills als ich, aber ich sage Euch, ich bin auch so ans Ziel gekommen! Ein paar Tage später bekam ich eine äußerst charmante Email von Reinhard… Bitte sehr:

David’s Hemd

 IMG_20141004_173207~2 Wo hast du das Kleidungsstück gekauft (Ort, Laden)? 

Debenhams, Cork, Irland. Dort haben sie damals auch Zara Sachen verkauft.

Hast du es gerne getragen? Warum?
Ja und nein. Ich musste es kaufen, weil mein Onkel gestorben war und es war für meinen schwarzen Anzug gedacht. Es war eine sehr enge Größe M, aber ich fand, dass ich sehr gut darin aussah.

Zu welchen Gelegenheiten hast du es getragen? (Arbeit, Freizeit, besondere Anlässe)?
Zuerst zur Trauerfeier, danach beim Ausgehen und zur Arbeit (unter einem Pullover mit V-Ausschnitt).

Hast du das Kleidungsstück dazu benutzt, um ein bestimmtes Bild von dir zu kreiieren bzw hast du es dazu benutzt dich in eine bestimmte Stimmung zu bringen? Beschreibe das Bild von dir bzw die Stimmung.
Es war auf jeden Fall mein „dressed-up“ Hemd. Er war besser geschnitten (und enger), als alle anderen Hemden. Man hat gesehen, dass es anders war und ich habe mich stylisch darin gefühlt.

Gibt es ein besonderes Erlebnis, das du mit dem Kleidungsstück verbindest? Beschreibe es.
Meine Tante hat mir am Tag der Beisetzung gesagt, dass mein Onkel wollte, dass seine 2 Söhne, mein Vater, mein anderer Onkel, mein Cousin und ich seinen Sarg tragen sollen und ich hatte wirklich Angst, dass mein Hemd es nicht aushalten wird (wie gesagt, es war ziemlich eng geschnitten…).

Warum hast du es weggegeben?
Hemd zu klein/ Besitzer zu groß 🙂

Welche Kriterien hast du, wenn du Kleidung kaufst?
Komfort und Qualität werden zunehmend wichtiger, aber Style ist mir immer noch sehr wichtig.

Haben diese Kriterien auf das weggegebene Kleidungsstück zugetroffen?
Nein. Damals war mir Style viel wichtiger – dieses Hemd war zwar von okayer Qualität, aber war nicht wirklich komfortabel.

Als David das Hemd zur Altkleidersammlung bringen wollte, habe ich es wieder herausgezogen und es umgeändert. Den gemusterten Stoff habe ich neu gekauft in meinem Lieblingsstoffladen Stoff&Co in München. DSC01422 DSC01377 DSC01330 DSC01414

Der Anfang…

…ist immer schwer. Wo genau fange ich bloß an? Vielleicht bei diesem Foto… (ich bin die Kleine, die Große ist meine Mutter). Genäht habe ich also schon immer.

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Als ich älter war, die klassische Maßschneider-Ausbildung. Alte Schule. Doch dann kam mir das Theater und die Theorie dazwischen und auf einmal waren Kleider soviel mehr als Stoff, den man zusammen näht und der uns bedeckt. Davon will ich hier auch hin und wieder schreiben, kleine Ausflüge in die Kostümgeschichte machen und spannende Geschichten von Kleidern, erzählt durch Kleider, aufschreiben.

Doch hauptsächlich möchte ich hier von meinen Upcycling Projekten berichten und den Weg von einem Produkt zu einem neuen nachzeichnen. Ich will die ehemaligen Besitzer erzählen lassen und sie kennenlernen. Manchmal heißt das auch ein bisschen Detektiv spielen…

Dann interessiere ich mich natürlich für andere Upcycling Designer/innen und Schneider/innen, und für Bücher und Filme mit diesem Thema. Wenn ich etwas Tolles entdeckt habe, möchte ich es hier vorstellen.

Das ist die Idee. Jetzt fange ich also an.

Wenn ihr das lest, dann lasst mich doch wissen, was ihr denkt und schreibt einen Kommentar unter die Posts. Ich freu mich darauf euch kennenzulernen!