Interview
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Stoff aus der Vergangenheit

Ich freue mich riesig Euch zwei tolle Frauen vorstellen zu dürfen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht direkt etwas mit Geschichten über Kleider zu tun haben. Aber als ich zum ersten Mal in ihrer Werkstatt zu Besuch war, wurde ich eines besseren belehrt. Laura Lun und Veronika Disl sind Restauratorinnen (www.monalisl.com) und als wir uns kennenlernten, arbeiteten die beiden an zwei wunderschönen Seidenkleidern und einer frühmittelalterlichen (!!!!) Gürtelgarnitur.

© Jan E. Siebert

© Jan E. Siebert (stehend Laura, sitzend Veronika)

Ich durfte eins der ältesten Kleidungsstücke, das ich je gesehen habe, ganz nah betrachten. Sie restaurieren neben Textilien u.a. auch Gemälde, Skulpturen und archäologische Fundstücke und sie haben mir einen spannenden Einblick in ihren Beruf gegeben. Aber lest selbst…

Woher kommt Euer Interesse für alte Kirchen, Reliquien und alte Kunst?

Laura: Also bei mir war es so, dass ich mich eigentlich seit ich denken kann für Kunst interessiere. Meine Tante ist Malerin und ich habe selbst auch immer gemalt, auch das Handwerkliche hat mich immer schon fasziniert. Ich hatte in der Schule auch Kunstleistungskurs. Ich habe als Beruf immer etwas Handwerkliches gesucht, aber eben auch etwas Wissenschaftliches, ich wollte das irgendwie kombinieren. Mich hat aber auch Archäologie und Kunst interessiert. Ich wollte das alles verbinden und da war Restaurierung die perfekte Kombination aus Wissenschaft, Handwerk, auch Chemie, man lernt ja den Umgang mit Lösemitteln, oder Werkstoffkunde, Physik, also wie die Materialien altern. Und man ist hautnah dran an der Kunst und kann mitforschen.

Veronika: Ja bei mir ist das eigentlich genauso. Ich habe mich auch als Kind schon für Kunst interessiert und meine Eltern haben das auch immer unterstützt. Meine Mutter ist auch Malerin und ich habe auch schon immer gemalt. Ich wollte beruflich aber eher etwas praktisches machen und habe dann einen Beruf gesucht, der mit Kunst zu tun hat.

Euer Einstieg kam also über die Kunst…

Laura: Auf alle Fälle! Ich habe mir zwar auch überlegt, ob ich Designerin oder Künstlerin werden soll, aber das war mir dann zu riskant, weil ich nicht auf Knopfdruck kreativ sein kann. Ich wollte auch etwas Handfesteres und eben auch etwas Wissenschaftliches machen. Ich bin dann durch Zufall auf den Studiengang gestoßen. Der Studiengang heißt Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft und gehört zur Fakultät Architektur. Unser Lehrstuhl ist da aber etwas abgekapselt und auch sehr klein.

Zwei Eurer momentanen Projekte kommen aus dem textilen Bereich. Erzählt doch mal von der Herkunft des Gürtels und der Seidengewänder. 

Veronika: Wir haben im Moment zwei Seidengewänder, die wahrscheinlich aus den 1920er oder 30er Jahren sind und aus Eching bei München stammen. Das eine ist so ein Nachtgewand, eine Art Body aus Seide. Leider ist Seide nicht sehr alterungsbeständig, das heisst über die Jahrzehnte zersetzt sich das Gewebe einfach und bricht an vielen Stellen. Bei dem Nachthemd ist der Stoff in der Mitte schon sehr zerbrochen und wir wollen dort den Stoff mit einem neuen Trägerstoff unterlegen. Und zwar wird da ein Bindemittel auf Acrylbasis auf diesen neuen Stoff gestrichen und unter den brüchigen Seidenstoff gelegt und dann mit einer Heizspachtel appliziert. Dafür nimmt man entweder Seide entsprechend dem Originalstoff oder man nimmt einen relativ dünnen, flexiblen Polyesterstoff, der hat den Vorteil, dass er sich auf lange Sicht nicht auch zersetzt. So kann man nach dem Aufbügeln den Originalstoff stabilisieren.

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Tageskleid aus Seide

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Glasperlenstickerei

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Was ist mit den Perlen, nehmt ihr die vorher ab oder halten die die Hitze aus?

Veronika: Nein, die bleiben dran. Es gibt so eine ganz kleine Heizspachtel mit verschiedenen Aufsätzen und damit kann man gut zwischen den Perlen arbeiten. Aber man muss schon aufpassen, dass die Glasperlen nicht mit dem heissen Bügeleisen in Berührung kommen.

Laura: Ich wollte nur noch kurz etwas zu der Ergänzung sagen: Bei manchen Museen ist es gerade gewünscht, dass man sieht wo das alte Stück noch original ist und wo geflickt wurde. Das macht man zum Beispiel zu Lehrzwecken so. Manchmal ist es also wirklich so, dass man zeigen will, dass es restauriert ist, da richten wir uns nach dem Auftraggeber. Museen wollen eher, dass man es sieht und Privatpersonen oder Auktionshäuser wollen meistens, dass man es gar nicht sieht. So macht man das eigentlich bei allen Stücken wie z.B. auch bei Gemälden, man kann die Retusche so machen, dass man sie gar nicht sieht oder so, dass man sieht, wo das Gemälde eigentlich kaputt ist.  Das ist ein interessanter Aspekt, der viel diskutiert wird, wie man denn jetzt am besten ergänzt.

Ich kann mir vorstellen, dass da die Meinungen diametral auseinander gehen….

Beide: Ja das kann man so sagen!

Laura: Es gibt auch verschiedene Schulen, man restauriert in Italien zum Beispiel anders als in Deutschland. Jedes Land hat so seine eigene Methodik und man kann schon sehen, wo was restauriert wurde. Also es wird natürlich auch hier globaler, man schaut sich Sachen ab und übernimmt die dann, man mischt die Stile, kombiniert altbewährte Techniken mit neu entwickelten Techniken und Materialien, man forscht und bildet sich weiter und findet so eine geeignete Technik für das jeweilige Kunstwerk. Die Kunst daran ist, dass wir zwar künstlerisch arbeiten, aber möglichst unaufdringlich und so, dass man es kaum sieht und das zu restaurierende Kunstwerk nicht mit einer eigenen Handschrift „stört“.

Zurück zum zweiten Projekt, dem Gürtel: 

 Laura: Da geht es auch um Textil, aber um sehr altes. Der Gürtel stammt aus einer Blockbergung, das bedeutet, wenn Archäologen ganz empfindliche Stücke mit organischen Resten bergen wollen, dann nehmen sie nicht die einzelnen Stücke heraus, sondern den ganzen Erdblock, so dass nichts kaputt geht. Das ist dann unsere Aufgabe, dass wir aus dem ganzen Erdblock die Stücke herauslösen, untersuchen und unter dem Mikroskop feststellen, ob noch Textil oder Lederreste erhalten sind. Der Gürtel ist frühmittelalterlich, das heisst zwischen 600 und 1000 nach Christus ungefähr, also er ist wirklich alt und nach einer so langen Zeit in der Erde ist von dem Organischen leider nicht mehr viel erhalten. Man freut sich also wirklich, wenn man etwas findet und bei unserer Gürtelgarnitur hatten wir Glück, denn es sind sowohl textile als auch Lederreste erhalten. Das wurde ganz fein säuberlich aus der Erde herauspräpariert und getrocknet und dann wird die Erde Schicht für Schicht abgetragen, bis das Stück freigelegt ist. Danach wird es unter dem Mikroskop nochmal gereinigt, untersucht und konserviert, so dass man noch weitere Tests machen kann. Zum Bespiel kann man u.a. noch feststellen, welche Faser das ist.

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Hier sieht man die textilen Überreste des Kleidungsstück auf dem Teilstück des Gürtels

Habt ihr eine gewisse Ehrfurcht vor den Dingen, die ihr restauriert oder geht ihr da angstfrei daran?

Veronika: Ehrfurcht hat man eigentlich immer davor, nicht weil man Angst hat etwas kaputt zu machen, sondern eher, weil es einfach so alte Stücke sind und die schon so viel „erlebt“ haben. Es ist einfach ein Stück Geschichte, das man da in Händen hält.

Laura: Ich finde das auch immer Wahnsinn, wenn man etwas ausgräbt und dann hat man etwas in der Hand, das der letzte Mensch vor 1500 Jahren an seinem Gürtel getragen hat!

Wenn ihr an den Kleidern oder dem Gürtel arbeitet, überlegt ihr da auch, wer die wohl die Person war, die das mal getragen hat?

Laura: Klar, bei unserer Arbeit hat man ja auch sehr viel Zeit zum Nachdenken nebenbei, das ist ja das Schöne daran! Ich stelle mir dann schon immer Geschichten vor, wie das wohl war damals und wie das ausgesehen haben könnte, als es noch ganz war.

Wenn man sich die Materialien und die reiche Verzierung des Seidenkleides ansieht, so kann man doch aber davon ausgehen, dass das nicht unbedingt ein Bauernmädchen war, sondern doch eher eine Frau aus dem Mittelstand oder sogar eine Adlige, richtig?

Ja, auf alle Fälle jemand der Geld hatte und sich in den höheren Kreisen bewegt hat.

Und bei dem Gürtel ist das doch bestimmt ähnlich oder?

Laura: Ja da gibt es schon Möglichkeiten, da Genaueres festzustellen. Ich habe zum Beispiel einmal eine Fibel (*eine kunstvoll verzierte Nadel, die man sich an  das Gewand steckt) restauriert. Die hat eigentlich langobardisch* ausgesehen (*aus Italien stammend), wurde aber in Bayern gefunden. Da hat man dann zum Beispiel die Textilfasern untersucht und wenn der Stoff auch langobardisch ist, weiß man, dass die Trägerin zum Beispiel gereist ist. Wenn die Textilreste aus der bayrischen Region gewesen wären, hätte das Aufschluss gegeben, dass das wohl eher ein Geschenk war, wie ein Mitbringsel. Solche Nachforschungen machen aber eigentlich eher Archäologen, unsere Aufgabe ist es die Stücke in so einen Zustand zu bringen, dass Nachforschungen überhaupt möglich sind.

Wird man die Stücke besichtigen können nach der Restaurierung? Wenn ja, wo? 

Die Kleider wird man auf alle Fälle im Heimatmuseum Unterschleißheim besichtigen können. Zu dem Gürtel ist auch eine Ausstellung geplant, die noch mehr Stücke vom Ausgrabungsort zeigen soll. Es ist aber noch nicht sicher wie die Ausstellung heißen wird und wann sie stattfindet.

Was war bis jetzt Euer spannendstes Projekt? 

Veronika: Also ich mache neben Gemälden und Skulpturen ja auch Reliquiare, das sind die Aufbewahrungskästen für die Reliquie selbst. So etwas gefällt mir schon sehr gut, weil da so viele verschiedene Materialien verwendet werden. Also florale Darstellungen aus Gold- und Silberdraht, Glassteine, Edelsteine, Textil oder auch Federn. Diese Materialkombinationen finde ich besonders spannend.

Laura:  Man bekommt ja soviel zu sehen, da ist eins spannender als das andere. Aber meine drei Höhepunkte waren zum einen eine Blockbergung letztes Jahr mit ganz viel Organik darin, also Textil und Lederreste, das war schon spannend. Sowas hatten wir bis dahin nur in der Ausbildung. Und jetzt auch das mit dem Pferdchen an dem Gürtel, das ist schon was sehr Tolles.

Ein weiteres Highlight, sind unsere Türkei Aufenthalte in Gaziantep in Südostanatolien für die Universität Münster/die Forschungsstelle Asia Minor. Wir sind da also die Grabungsrestauratorinnen und sind da jedes Jahr 4-6 Wochen vor Ort.  Wir restaurieren da erst mal die kleineren Funde, die ausgegraben werden, also Schmuck, ganz viele Münzen und Perlen. Das ist eine riesige Ausgrabungsstelle, die es seit 2002 gibt und es gibt so viel zu finden dort. Ist ja klar, da waren die Römer, die Griechen, die Syrer und dieses Jahr wurden zum ersten Mal neolithische Überreste gefunden! Dieses Mal wurde auch ein Mosaikboden gefunden, den wir dann freilegen, reinigen und konservieren durften. Wir dokumentieren das dann vor Ort, denn die Fundstücke bleiben in der Türkei, und die Uni Münster wertet dann unsere Dokumentation aus.

Was Gemälderestaurierung betrifft, da hatten wir mal ein Gemälde das war sehr vergilbt und das sollten wir restaurieren, dann haben wir den Rahmen abgenommen und festgestellt, dass das Bild durch die Unterschrift des Künstlers abgeschnitten war und das Reststück der Leinwand im Rahmen steckte! Dann haben wir die Besitzerin gefragt, ob wir das wieder anstückeln sollen, denn das Bild hat ja dann eine ganz andere Wirkung, wenn es länger ist! Das war wirklich sehr viel Arbeit und dann war es tatsächlich auch ein bekannterer Münchner Maler Max Mayrshofer, der unter Sammlern recht bekannt ist. Das war am Anfang unserer Selbstständigkeit und war ein ziemlich schweres Stück Arbeit, das wir aber gut hinbekommen haben.

Und dann haben wir mal einen ganzen Altar konserviert, dafür haben wir auch zum ersten Mal einen richtig großen Kunsttransport selbst organisiert. Da haben wir für eine Kirche, die keinen Altar hatte, aus dem Kirchendepot einen passenden Altar suchen sollen und sollten dann die Kirche damit bestücken. Und der Altar den wir ausgesucht haben, hat wirklich richtig gut reingepasst und wir haben uns wahnsinnig gefreut, dass alles so gut geklappt hat.

Veronika: Und Anfang dieses Jahres haben wir 3 Gemälde für die Napoleon Ausstellung restauriert!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Interview

3 Kommentare

  1. Monika Ries sagt

    Mona-Lisl ist ein absolut seriöses und kompetentes Jung-Unternehmen, dem eine erfolgreiche Zukunft bevor steht. Durch ihr hervorragendes Fachwissen und künstlerisches Können gebe ich gerne meine Gemälde zur Restaurierung in ihre Hände. Macht weiter so, ihr seid auf dem richtigen Weg.

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    • Liebe Monika Ries, vielen Dank für den langen Kommentar! Das sehe ich absolut genauso und ich hoffe, ich habe das in meinem Beitrag auch so dargestellt. Laura und Veronika haben mich sehr beeindruckt.

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  2. Suschna sagt

    Gern gelesen, Danke! Ich persönlich mag es lieber, wenn die Restaurierung sichtbar bleibt, da fühle ich mit den Museen.

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